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Raum und Traum des Neuen Arbeitens.

Magazin Contact #24

Der Begriff New Work wurde vor 33 Jahren begründet. Doch was ist heute daraus geworden? Das Spektrum der neuen Arbeitsweisen reicht vom Coworking bis zum Crowdworking – und könnte diametraler kaum sein. Eine Analyse aus aktuellem Anlass.

„Nicht die Arbeit macht die Menschen unglücklich, sondern die Lügen, die wir uns darüber erzählen“, schreibt der deutsche Arbeitspsychologe und Coach Volker Kitz in seinem soeben erschienenen Buch „Feierabend“! (das Rufzeichen ist wahrlich als Appell zu verstehen). „Arbeit existiert in unseren Köpfen als Idee, als Ideal. Die Wirklichkeit, der Arbeitsalltag, hält der Vorstellung nicht stand. Sie enttäuscht uns, wir leiden.“ Allein in Deutschland, so Kitz, leiden 30 Millionen Menschen an Leidenschaftslosigkeit im Job und fühlen sich dadurch frustriert. Übertragen auf Österreich dürfte die Zahl im Bereich von zwei bis drei Millionen Erwerbstätigen liegen.

Um der grassierenden Unzufriedenheit im Berufs­alltag entgegenzuwirken, die entgegen allen Vermu­tungen alles andere als ein zeitgenössisches Phänomen ist, hat der austroamerikanische Philosoph Frithjof Bergmann den Begriff „New Work“ geprägt. Dem­nach geht es beim Neuen Arbeiten um Spaß und Erfüllung, um Identifikation mit der Tätigkeit, um Teilhabe an Entscheidungsprozessen sowie – last but not least – um eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Bergmanns Definition stammt aus dem Jahre 1984. Auch diese zeitliche Zuweisung ist dringend mit Rufzeichen zu versehen, zeigt sie doch, wie lange wir uns schon mit Visionen und Utopien einer neuen Ar­beitswelt beschäftigen. „Die neue Arbeit ist längst da“, schreibt Wolf Lotter in einem Artikel im deutschen Wirtschaftsmagazin brand eins. Die aktuelle März- Ausgabe widmet sich darin auf fast 100 Seiten dem Schwerpunktthema Neue Arbeit. „Wir suchen nach einem Sinn, einer Kultur, einem Rahmen für etwas, das bereits Realität geworden ist. Das ist kennzeich­nend für unsere Zeit – und erklärt auch das Unbeha­gen und die vielen Widersprüche, die heute zwischen der Arbeit und der Art und Weise bestehen, wie sie organisiert ist und wie sie getan wird.“ Beim neuen Arbeitsbegriff, so Lotter, gehe es „weniger um Utopien und Visionen als um eine nüchterne Analyse dessen, was ist“.

 

Um 21 Prozent mehr neue digitale Jobs.

Was ist, lässt sich leicht in Zahlen fassen: Berufe, die auf Routine und sich selbst wiederholende Abläufe bauen statt auf Wissen und Originalität, stehen auf der Roten Liste, heißt es in einer Studie des Mannhei­mer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Im Zuge der Digitalisierung und Computerisierung sind in den letzten Jahren rund zehn Prozent der Berufsbilder gänzlich vom Markt verschwunden. Zu­gleich aber sind – dank den neuen Technologien – um 21 Prozent mehr neue Jobs hinzugekommen.

„Unsere heutige Vorstellung von produktiver Arbeit entstammt im Wesentlichen der Industriearbeit“, erklärt der Grazer Sozial- und Systemwissenschaftler Manfred Füllsack, Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung (ISIS) an der Karl-Franzens-Universität in Graz. „Zugrunde liegt ihr die recht engstirnige Auffassung von einer pri­mär manuellen, von Männern verrichteten Arbeit im Rahmen industrieller Produktion.“

Das ist heute anders. New Work hat die arbeitende Bevölkerung in den letzten 33 Jahren nach und nach umgekrempelt und hat heute einen Zustand erreicht, in dem die klassische Büroarbeit von einst einem breiten Spektrum an unterschiedlichen Erwerbsmög­lichkeiten gewichen ist. Dieses reicht von unterbezahl­ter, ausbeuterischer Einzelarbeit im Home Office bis hin zu einem gemeinschaftlichen System, in dem die Arbeit jedes Einzelnen vom Kollektiv unterstützt und mitgetragen wird. Es ist erstaunlich, wie phonetisch ähnlich einander die beiden diametralen, zutiefst widersprüchlichen Qualitäten am Arbeitsmarkt sind: Crowdworking auf der einen Seite, Coworking auf der anderen.

 

Risiken und Nebenwirkungen.

Bei Crowdworking werden Aufträge mittels web­basierten Plattformen an eine mehr oder weniger definierte Menge von Menschen durch Einzelper­sonen, Institutionen oder Unternehmen vergeben“, erklärt Christiane Benner, Herausgeberin des 2014 erschienenen Buches „Crowdwork. Zurück in die Zukunft.“ „Komplexe Aufgaben werden oftmals in kleine Teilaufgaben zerlegt, bevor sie ausgeschrieben werden. Auf diese Weise können der Aufwand zur Erledigung der Aufgaben und die Kosten gesenkt werden.“ Crowdworking, so die Soziologin, könne nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Be­schäftigte Chancen bereithalten – beispielsweise einen leichteren Zugang zur Arbeit für jene Menschen, die am regulären Arbeitsmarkt nicht reüssieren. Und sie warnt zugleich: „Crowdworking birgt aber auch Risiken wie etwa geringe Einkommen, mangelnden Gesundheitsschutz, fehlende soziale Absicherung und Entgrenzung von Arbeit.“

Crowdworker wüssten oft auch gar nicht, für wen sie arbeiten, denn die Auftraggeber seien in der Regel anonym, fügt Sylvia Kuba, Crowdworking-Expertin in der Arbeiterkammer Wien (AK), hinzu. „Die Bezah­lung liegt meist unter den offiziellen Mindestlöhnen. Hinzu kommt, dass man allein ein Viertel der Arbeits­zeit aufwenden muss, um nach Aufträgen zu suchen. Darauf eine Existenz aufzubauen, ist nicht leicht.“ In einer Studie über die Lebens- und Arbeitsqualität der arbeitenden Crowd fand die AK heraus, dass zu den häufigsten Crowd-Aufträgen einfache Büroarbeit, Clickwork, IT-Services sowie Arbeiten in kreativen Bereichen zählen – etwa Texterstellung, Grafikdesign und Logo- und Slogan-Pitches.

Der weltweit erfolgreichste – und aufgrund seiner niedrigen Löhne auch am häufigsten kritisierte – Crowdwork-Anbieter ist Amazon Mechanical Turk. Rund eine halbe Million Menschen weltweit verdie­nen durch die Mitarbeit in der Crowd Klein- und Kleinstbeträge. Weitere in Österreich genutzte Anbie­ter sind Clickworker, Crowd Guru, crowdsite, Street­spotr, Testbirds, jovoto, twago, upwork und 99designs. Über die Zahl der in Österreich tätigen Crowdworker ist bislang wenig bekannt. Allen jedoch ist gemeinsam, dass sie aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen von Experten längst schon als „digitale Tagelöhner“ und „digitale Akkord­arbeiter“ bezeichnet werden. „Nicht die Crowdworker, son­dern die Plattformen müssen transparent werden – anhand von Kriterien wie Ent­gelt, Zahlungsmoral oder realistischen Aufgabenstellungen“, fordert Buchautorin Benner. „Unser Ziel ist, ein entsprechendes Reputationssystem auf den Plattformen zu programmieren und zu etablieren.“

 

Mother of Coworking

Am anderen Ende der Skala von New Work – empfehlenswert zu diesem Thema ist der Blog newworkblog.de – rangieren kollektive Arbeitsmodelle wie etwa Kollaboration oder Cowor­king. Im Gegensatz zum meist isolierten Crowdwor­king im Home Office handelt es sich dabei um eine Arbeitskultur in der Gemeinschaft. Der erste Cowor­king-Space der Geschichte wurde 2002 in Wien (!) gegründet. Die Schraubenfabrik in der Leopoldstadt, die sich selbst auch als „Mother of Coworking“ bezeichnet, bietet Arbeitsplätze mit Infrastruktur und diverse Möglichkeiten, sich untereinander auszutau­schen. Heute wird der ehemalige Produktionsstandort von 40 Einzelunternehmerinnen und KMUs aus den Bereichen Kreativwirtschaft, Gesundheit, Forschung und IT genutzt. Auch so manches Start-up-Unterneh­men ist mit von der Partie.

Weit mehr Glück mit der internationalen Publicity je­doch hatte die ehemalige Hat Factory in San Francisco – drei Jahre später. Brad Neuberg, digitaler Nomade, hatte keine Lust mehr, im Kaffeehaus zu arbeiten, und beschloss daraufhin, die horrend hohen Büromieten mit einigen freiberuflichen Gleichgesinnten zu teilen. Mit dem in den Vordergrund gerückten Vorteil des intellektuellen Austauschs und dem neu gebrandeten Namen „Coworking“ begann die New-Work-Idee ihren Siegeszug um den Erdball. Der Rest ist auf Wi­kipedia nachzulesen.

„Coworking hat in nur zehn Jahren unsere Arbeitskul­tur komplett verändert“, sagt Romy Sigl, Gründerin und Leiterin des 2012 gegründeten Cowor­king Salzburg. „Heute ist es jedem möglich, mit einem Compu­ter, einem Internet-Zugang, guter Bildung und einer Portion ge­sunden Selbstvertrau­ens ein Unternehmen zu gründen. Und man braucht dafür nicht einmal mehr einen eigenen Raum, denn diesen kann man sich mit anderen teilen.“ Der Coworking-Space im Technologiezen­trum Techno-Z hat 360 Quadratmeter und bietet Platz für 35 Mitarbeiter. Diese mieten sich mit einem 10-Tages-Abo um 210 Euro ein und können auf diese Weise nicht nur Gemeinschaft genießen, sondern auch vom Know-how-Austausch und vom interdisziplinären Netzwerk profitieren. Die durchschnittliche Auslastung liegt bei 80 Prozent.

Vorbild für Sigl, die sich selbst als „Pionierin für neues Arbeiten“ bezeichnet, war der Coworking-Space Beta­haus in Berlin, der mittlerweile schon Dependancen in Hamburg, Lissabon und Sofia betreibt. Immer wieder ist Sigl – auch heute noch – in Deutschland, Portugal, im Libanon und in Ägypten unterwegs, um neueste Trends auszuforschen und diese auch auf Salzburg zu adaptieren. Einer davon: „Coworking und Baby“ für berufstätige Jungmütter. Hinzu kommen Netzwerk­treffen, Start-up-Partys und kostenloses Sparring-Partnering in der Mittagspause: Für eine spendierte Pizzamittagsorgie samt Cola für die Crowd bekommt man von allen Anwesenden fundiertes Feedback zum neuesten Grafik- oder Business-Konzept.

„Möbel sind mir bei alledem ziemlich egal“, gibt Sigl offen zu. „Das Coworking Salzburg ist mit Ikea- und Vintage-Möbeln eingerichtet, denn das Wichtigste beim Coworking ist immer noch die Community.“ Nicht ganz so gleichgültig sieht das Bernhard Kern, Geschäftsführer der Roomware Consulting GmbH. „Coworking hat mit Zusammenarbeit und Kommuni­kation zu tun, und da spielen die Möbel nicht nur eine wichtige, sondern eine zentrale Rolle“, so Kern. „Ob wir nun von Coworking-Spaces oder von Coworking im Sinne der Kooperation und Kollaboration inner­halb eines Unternehmens sprechen, ist das Allerwich­tigste, die Hierarchie aufzugeben und ein Büro und eine Infrastruktur auf Augenhöhe zu errichten.“ Dazu gehöre auch ein innovatives und entsprechend vielfäl­tig nutzbares Mobiliar.

 

Sprung in die New Work leicht gemacht.

Aktuell nehme die Nachfrage nach Open-Space-Lösungen und Coworking-Areas im Office-Bereich dramatisch zu, erklärt der Roomware-Chef. „Der Trend hat längst schon die großen und kleinen Städte in Österreich erreicht. Und ich denke, die neuen Bü­rolösungen sind aufgrund ihrer Offenheit, Flexibilität und leichten Adaptierbarkeit nicht nur für Coworking geeignet, sondern künftig auch für Scrum, Design-Thinking und soziokratische Unternehmensführung. Kommunikation am Arbeitsplatz ist zeitlos.“

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