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Der Schreibtisch als Bühne

Magazin Contact #15

Wie die Statistik zeigt, verbringen Büromenschen ganze sieben Jahre an ihrem Arbeitsplatz, den Löwenanteil davon am eigenen Schreibtisch. Grund genug für die Köln International School of Design (KISD), eine breit angelegte Studie über Schreibtischkultur durchzuführen.

Über einen Zeitraum von sechs Monaten wurden in elf Ländern auf fünf Kontinenten an die 700 Schreibtische von Frauen und Männern in den vier Branchen Banken, Callcenter, Verwaltung und Designbüros fotografiert und unter die Lupe genommen. Dabei fanden sich im Durchschnitt auf jedem Desk mehr als zwölf Gegenstände, die nichts mit dem eigentlichen Arbeitsablauf zu tun haben.

 

Uta Brandes und Michael Erlhoff, die Herausgeber dieser Studie (My Desk is My Castle. Exploring Personalisation Cultures, Basel, Birkhäuser Verlag 2012) werten dies als deutlichen Ausdruck dessen, dass wir auch in unserer schnelllebigen Arbeitswelt die Möglichkeit suchen, unsere Individualität auszuleben und unser Territorium zu markieren. Menschliche Grundbedürfnisse ach Identifikation und Geborgenheit treten dabei deutlich sichtbar zutage.

 

Bei der Auswertung des Materials wurden sowohl interkulturelle als auch branchen- und geschlechtsspezifische Besonderheiten erkennbar. Die eindrucksvollen Fotos machen deutlich, wie unterschiedlich Schreibtische auf der ganzen Welt von ihren Benutzern vereinnahmt werden. Oft entspricht dieses Verhalten auch durchaus gängigen Klischees. Frauen umgeben sich mit mehr und teils plüschigen Objekten als ihre männlichen Kollegen und schaffen sich gerne ein pastelliges Ambiente. Männer hingegen setzen eher auf dunkle Farben und markieren ihren Arbeitsplatz mit Sport-Accessoires, Spielzeugautos und martialischen Figuren.

Im Branchenvergleich zeigen sich Schreibtische in der Verwaltung als langfristig „häuslicher“ eingerichtet, in Callcentern eher neutral, da mehrere Personen in Schichten an einem Desk arbeiten. Desks in Designstudios präsentieren sich in Europa und westlichen Ländern eher „klinisch“ weiß, in Asien hingegen kunterbunt. Gerade im Vergleich mit Asien werden große kulturelle Unterschiede evident. In Taiwan fanden sich im Durchschnitt 20 Objekte auf einem Schreibtisch, in Hongkong sogar an die 40. Die Erklärung für dieses Phänomen: „Asiaten leben oft auf viel engerem Raum zusammen als Europäer oder Amerikaner“, sagen Brandes und Erlhoff. „Dadurch haben sie ein ganz anderes Verständnis von Fülle und Leere.“

 

Heutzutage geben viele Experten dem Schreibtisch als individuellem Arbeitsplatz keine große Zukunft. Der Trend geht, wie man hört, zum „Büro-Nomaden“, der sich seinen Arbeitsplatz immer wieder neu sucht, je nach Situation auch mehrmals täglich. Ein Standpunkt, dem der Designtheoretiker Michael Erlhoff wenig abgewinnen kann. Für ihn ist klar, dass der arbeitende Mensch ein Territorium braucht, in dem er sich geborgen fühlt. Sein Credo: „Das Nomadische ist eine Illusion.“

 

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