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Rodin und das Gürteltier

Magazin Contact #19

Die Fondation Jérôme Seydoux-Pathé ist nicht nur eine neue, leicht versteckte Sehenswürdigkeit im quirligen Paris, sondern auch ein sensibler Beitrag zum Arbeiten im Open Space. Hier fügen sich Architektur und moderne, zeitgenössische Innenraumgestaltung zu einem ununterdrückbaren Ich-will-hier-nie-wieder-weg-Gefühl.

Die Avenue des Gobelins ist ein prächtiger Boulevard im 13. Arrondissement, nur wenige Schritte von der Place d‘Italie entfernt, mit Cafés, Patisserien und Meeresfrüchte-Restaurants, dass einem nur so der Gaumen schlackert. Der hochkulturelle Genuss hat in diesem Eck von Paris Tradition. Im Haus Nummer 73 befand sich einst das Théâtre des Gobelins. Das Drama alter Tage ist in Form zweier Figuren in Stein gemeißelt. Links über dem Portal die Tragödie in männlicher Gestalt, rechts die Komödie als eine sich bequem über den Torbogen lehnende Frau. Bildhauer der beiden Plastiken, die schon seit 1869 auf eisgekühlte Austernplatten und geschmeidig zerbrechliche Makronen hinabschauen (man kann es ihnen nicht verübeln), ist niemand geringerer als Auguste Rodin.

 

Seit Kurzem spielt sich hinter der denkmalgeschützten Fassade ein ganz neues Drama ab. Film ab: Nachdem das Gebäude nach etlichen, durchaus zerstörerischen Umbauten jahrelang leer gestanden war und allmählich vor  sich hingerottet hatte, wurde das alte Gemäuer durch einen Neubau von Renzo Piano ersetzt. Das futuristische Gehabe ist dem 77-jährigen Enfant terrible, dem Architekten des Centre Pompidou, nicht abhandengekommen.

Zumindest nicht bis heute. Wie ein fremdes Wesen taucht aus dem Innenhof des Straßengevierts plötzlich ein silbrig schimmernder Buckel auf und gibt den beiden Protagonisten Rodins neuen Gesprächsstoff.

 

Und nicht nur diesen. „Das Haus hat von uns, aber auch von der Bevölkerung bereits eine Handvoll bildhafte, tierische Spitznamen verpasst bekommen“, sagt Thorsten Sahlmann, Projektleiter und Associate Architect im Renzo Piano Building Workshop Paris. Die einen reden von Buckelwal, die anderen von Elefant, doch wohl kein Animal dieser Welt trifft es besser als ein überdimensionales, 25 Meter hohes Gürteltier aus Aluminium. Dabei

sei diese Analogie eigentlich gar nicht beabsichtigt gewesen. Vielmehr habe sich die tugendhafte Form aus der Not ergeben, so Sahlmann. „Der Innenhof zwischen den bestehenden Wohnhäusern war so eng, so

verwinkelt und so unregelmäßig, dass wir nach vielen, vielen Versuchen bei dieser weichen, amorphen Gestalt gelandet sind. Das war die einzige Möglichkeit, um in diesem heterogenen Ambiente zu bestehen.“

 

Der Gesamtheit tut dies keinen Abbruch. Wohl nicht in formaler Hinsicht, sehr wohl aber in Farbe und Materialität wird das historische Paris aus Baron Hausmannscher Zeit tunlichst respektiert, mit Samthandschuhen gestreichelt und mit wenigen gestalterischen Pinzettengriffen fortgesetzt. Auftraggeber dieser ungewöhnlichen, wiewohl behutsam eingesetzten Stadtintarsie ist die Fondation Jérôme Seydoux-Pathé, besser bekannt als  die Stiftung hinter jenem französischen Filmhaus, das vor jedem seiner Filme die unverwechselbare Gockel-Silhouette über die Leinwand spazieren lässt.

 

Die 2006 gegründete Stiftung, die seit letztem Jahr an dieser Adresse nun auch physisch manifest ist und sich hier der Forschung und Archivierung widmet, beherbergt zwei öffentlich zugängliche Ausstellungssäle mit hauseigenen Grammophonen, Kameras und Filmprojektoren der letzten hundert Jahre, einen Kinosaal für historische Stummfilmvorführungen mit Live-Klavierbegleitung, diverse Forschungs- und Archivräumlichkeiten sowie das vielleicht atemberaubendste Großraumbüro diesseits und jenseits der Seine.

 

„Man ist hier mitten in Paris, und nicht nur das, denn man hat hier förmlich das Gefühl, mitten in den Dächern zu sitzen“, sagt Sophie Seydoux, Präsidentin der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé. „Die Verschmelzung

mit der Stadt ist gigantisch. Das ist meine ganz persönliche Love-Story.“ Nicht zuletzt passe die moderne, zeitgenössische Architektursprache zu einer auf die Historie dermaßen bedachten Stiftung. Denn: „Film gibt es seit mehr als 120 Jahren. Und eine der wichtigsten Eigenschaften von Film ist, dass dieser seiner Zeit stets weit voraus war. Insofern“, so Seydoux, „fügt sich das Gebäude perfekt in die von uns gepflegte und  gewürdigte Tradition.“

 

Das Gefühl ist ein penthousiges. Denn während der amorphe Bau in den unteren Geschoßen aus massivem Spritzbeton (!) gefertigt wurde, befindet man sich hier oben unter einer Glaskuppel aus insgesamt 150 zweiachsig gekrümmten Scheiben. Jede einzelne davon ist ein geometrisches Einzelstück. Während der Raum von außen kaum einsehbar ist, scheinen sich die charakteristischen, mehr als 7.000 Aluminiumschuppen des Gürteltiers von innen betrachtet in Luft aufgelöst zu haben. Zu verdanken ist das der mal 30- und mal 50-prozentigen Perforation. Der genaue Lochanteil wurde anhand des Sonnenverlaufs und Beschattungsbedarfs ermittelt.

 

Die Oberflächen aus leicht gebleichtem Eichenholz, das sich am Boden, in den mit der Architektur verwachsenen Einbaumöbeln sowie in den gekrümmten Leimbindern und unter dem Pariser Himmel wiederfindet, verleihen dem Raum Wärme und Geborgenheit.

 

Ansonsten dominieren Weiß und Glas. Die Möblierung ist so gewählt, dass die zehn Arbeitsplätze je nach Arbeitstätigkeit verändert und verschoben werden können. Auf der unteren Ebene, auf die man über eine Wendeltreppe gelangt, befindet sich zudem ein runder Konferenztisch für bis zu zwölf Personen. Selten zuvor war ein Einraumbüro freundlicher, umarmender, inspirierender. Der italienische Architekt Renzo Piano scheint ein Händchen zu haben – und nicht nur für das Laute und Dramatische.

 

Geheizt und gekühlt wird die Fondation Pathé mittels Geothermie. Zudem verfügen die Räume über eine auf Querlüftung basierende Nachtlüftung. Nur an den drei, vier heißesten Tagen im Jahr wird die Klimaanlage in  Betrieb genommen. Ein Back-up sozusagen. Doch von alledem ist nicht viel zu spüren. Ganz anders als beim Centre Pompidou oder dem kürzlich fertiggestellten The Shard in London nämlich wird die Technik hier nicht zur Schau gestellt, sondern dem Gürteltierwesen quasi als Selbstverständlichkeit ohne jeden Pomp und ohne jedes Trara einverleibt. Ruhig und mit sich und der Welt zufrieden steht es da, leicht eingequetscht in der Pariser Baulücke, und tut fast so, als sei es nicht da. Vergeblich. Rodins steinerne Erben haben schon geflüstert.

 

Wojciech Czaja

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