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Gekonnt verkuppelt: So geht Recruiting heute

Magazin Contact #20

Er soll perfekt passen, uns nicht verbiegen oder einengen. Uns Entfaltung und Weiterentwicklung bieten. Und er soll uns auffangen, wenn’s anderswo mal nicht so gut läuft. Die Rede ist nicht vom idealen Partner, sondern vom Beruf, der nichts weniger als eine Berufung sein soll.

Umbruch auf dem Stellenmarkt
In der Tat herrscht auf dem Stellenmarkt noch tiefstes analoges Mittelalter. Die klassische Bewerbungsmappe ist unumstritten die Nummer eins, Karriere-Formulare auf Websites sind das Höchste der digitalen Gefühle und selbst dort lädt man den althergebrachten tabellarischen Lebenslauf und die Zeugnisse hoch. Welche dann wiederum in der Human-Resources-Abteilung heruntergeladen und ausgedruckt werden.
Dieser Ablauf ist umständlich und ineffizient. Eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov belegt: 40 Prozent der Teilnehmer mussten drei bis sechs Wochen auf die Rückmeldung auf ihre Bewerbung warten. Über 20 Prozent bekamen auf mehr als zehn Bewerbungen überhaupt keine Rückmeldung – obwohl 59 Prozent zehn oder deutlich mehr Bewerbungen verschickt hatten.
Seit wenigen Jahren kommt Bewegung auf den Stellenmarkt, die Zeiten ändern sich. Nicht zuletzt deshalb, weil Bewerber immer weniger Bittsteller sind und Unternehmen immer mehr um Talente werben müssen. Junge Start-ups und moderne Geschäftsideen machen sich diesen Umstand zunutze.

Plattformen und Apps betreten die Bühne
Ein Beispiel hierfür ist die Internet-Plattform Talents Connect. Sie bringt Arbeitgeber und
-nehmer zusammen: Einerseits macht sie Bewerber auf Jobs aufmerksam, von denen diese gar nicht wussten, dass es sie gibt. Andererseits bringt sie Unternehmen mögliche Mitarbeiter näher, die sie über die klassischen Kanäle immer seltener erreichen. Die Arbeit erledigt dabei ein Algorithmus im Hintergrund, der selbst Karriereportale wie Xing, Monster und Stepstone in den Schatten stellt.

Talents Connect arbeitet dabei ganz ähnlich einer Dating-Plattform. Der mögliche Bewerber legt ein persönliches Profil an, mit Interessen, Eigenschaften, Vorlieben oder auch Dingen, die ihm im Beruf wichtig sind. Der Vorteil ist, dass sich Menschen weniger so präsentieren, wie sie glauben, sich laut Stellenausschreibung präsentieren zu müssen.

Die Firmen hingegen können auf der Plattform bestimmte Filter setzen, sich etwa nur Leute anzeigen zu lassen, die in einem Umkreis von 20 Kilometern wohnen oder eine Eins in Mathematik hatten. Und so führt eins zum anderen: Jobs werden gefunden, Bewerber angenommen.

Neben Talents Connect machen sich auch andere Anbieter daran, den Bewerbungs-Markt zu revolutionieren. Die App Truffls (ein Produkt aus dem Ideenlabor des Medienkonzerns Axel Springer) ist eine Art Dating-App für Jobsuchende. Wie bei der Flirt-App Tinder kann der Benutzer auf dem Smartphone über Stellenanzeigen wischen. Die schlechten kommen nach links und werden somit gelöscht. Die guten wandern nach rechts, die ausschreibende Firma erhält automatisch ein anonymes Kurzprofil des Nutzers und kann – bei Interesse – Kontakt aufnehmen.

Der Anbieter MobileJob konzentriert sich auf die andere Seite der Bewerbung – die Firmen. Er hilft bei der Suche nach Auszubildenden und spricht diese genau dort an, wo sie sich aufhalten: in sozialen Kanälen, im Internet generell oder via SMS. Mit maximal sechs Fragen werden wichtige Informationen vorab geklärt, die bei den Bewerbungen meist nicht enthalten sind, wie die Führerscheinklasse oder die Bereitschaft für Schichtarbeit. Auf demselben Kanal wird der Bewerber dann an das Vorstellungsgespräch erinnert. Laut eigener Aussage schafft es MobileJob, für seine Kunden im Schnitt fünfmal mehr qualifizierte Bewerber zu akquirieren als auf dem herkömmlichen Weg.

Traumpaar gefunden!
Während ältere Generationen den Job noch klar als Geldquelle und sozialen Anschluss sahen, muss er heute „Mein Ein und Alles“ sein. Das macht die Jobsuche diffiziler und erfordert bessere Hilfsmittel. Der aktuelle Trend geht stark in Richtung Onlinedating. Und so wie die Online-Partnervermittlungsagentur Parship damit wirbt, ihre Kunden paarweise zu verlieren – was sie laut eigener Aussage überaus glücklich macht – heißt es in Zukunft wohl auch auf dem digitalen Stellenmarkt: Traumpaar vermittelt, Sie wurden gekonnt verkuppelt!



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