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Puzzle mit kreativem Chaos

Magazin Contact #21

Der Design Innovation Space in Eindhoven ist nicht nur ein Büro, sondern zugleich der baulich manifeste Auftrag zum Drehen, Schieben und permanenten Weiterentwerfen. Designer Dave Keune hat lediglich die Puzzle-Stücke kreiert.

Alljährlich im Oktober findet in Eindhoven die Dutch Design Week (DDW) statt. Eine Viertel Million Besucher und mehr als 2.000 Designer aus dem In- und Ausland finden sich dann zusammen, um den neuesten Trends und Entwicklungen in der Welt des Gestaltens zu frönen. Die Chance, dass sie in dieser Zeit Tischerl rücken und raumhohe Stahlgerüste schieben müssen, ist hoch. Denn die Zentrale der DDW, das sogenannten Design Innovation Space, wird gleichzeitig als Co-Working Space und öffentlich zugänglicher Design Think Tank genutzt. Hier werden die Nutzerinnen und Nutzer dazu aufgefordert, sich ihre optimale Möbelkonfiguration je nach Belieben, je nach Notwendigkeit selbst zusammenzustellen. Rollen an den Enden der Schreibtische, Besprechungstische, Aktenschränke, Pin-Boards und vier Meter hohe Raumteiler machen den Bewegungsauftrag mit einem Handgriff realisierbar. „Ich bin kein Freund von fix eingebauten, schweren Büromöbeln“, sagt der Amsterdamer Designer Dave Keune. „Mit flexiblen, beweglichen Einrichtungsgegenständen ist die Gestaltungsvielfalt um ein Vielfaches größer. Und die Lust an der Nutzung ebenso! Auf diese Weise kann der Raum jeden Tag als ein neuer erlebt und erkundet werden.“ In einem kleinen Booklet, das Keune seinem Auftraggeber bei Fertigstellung des DIS in die Hand gedrückt hat, ist ein Auszug aus unterschiedlichen Konfigurationen dargestellt. Die Grafiken – 14 Varianten mit jeweils 14 Untervarianten, in Summe 196 unterschiedliche Layouts an der Zahl – sollen den hier Arbeitenden als Inspiration dienen.

 

Dann wird im Kreis gesessen, um zu denktanken, oder in Reihen, um einem Vortrag zu lauschen, dann wird alleine gearbeitet oder zu zweit, dann wird gebrainstormt oder an Details getüftelt, still und einsam oder in großer Lautstärke, ja sogar eine Tribüne, die in einem der fast raumhohen Luxus-Baugerüste in die Höhe führt und Überblick bietet, ist Teil des vielfältigen, dynamischen Büropuzzles. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier jemand über die von der Büromöbelindustrie in den letzten Jahren mühsam eingeführten Begrifflichkeiten wie Me-Places, We-Places, Mittelzonen und Regenerationsflächen amüsiert, denn der DIS ist das alles und nichts zugleich. Heute so. Und in einer Viertelstunde vielleicht ganz anders. Ort des Geschehens ist ein leerstehendes, denkmalgeschütztes Fabrikgebäude im nordwestlichen Stadtteil Strijp-S. Wo einst elektrische und elektronische Geräte für Philips hergestellt wurden, findet nun die Produktion von kreativen Prozessen statt.

Der 20 mal 15 Meter große und mehr als fünf Meter hohe Raum atmet Geschichte. Das spürt man in jeder Wand, in jedem Träger, in jeder vor mehr als hundert Jahren betonierten Pore. „Nachdem die Fabrik unter Denkmalschutz steht, war es theoretisch nicht einmal möglich, eine Schraube in die Wand zu drehen“, sagt der Designer. Allein deshalb schon sei das flexible Konzept unabdingbar. „Wenn Sie so wollen, ist das meine Antwort auf die Frage, wie wir in Zukunft mit wertvoller historischer Bausubstanz umgehen wollen. Der DIS ist modular aufgebaut und lässt sich dadurch in jeden Raum implementieren.“ Die Farben und Materialien nehmen sich bewusst zurück, überlassen die Bühne dem Protagonisten Philips. Ein wenig erinnert die Ästhetik an die hellen, ja fast blassen Entwürfe des britischen Designers Jasper Morrison: weiß lackierter Stahl, Sperrholz, Spanplatten, perforierte Blechpaneele, Aluminium, Kunststoff und grauer Teppichfilz am Boden. Nur ab und zu drängt sich in dieses nüchterne Potpourri ein bisschen Grün, ein bisschen Blau in Form von Ladenfronten, Schränkchen, Rollcontainern. „Der Trick ist, dass wir eigentlich wenig Material verwendet, damit aber große Objekte und Volumina umschlossen haben“, so Keune. „Auf diese Weise ist es gelungen, das Projekt mit geringen Geldmitteln umzusetzen. Bei den Lackierarbeiten in Grün und Blau habe ich sogar selbst Hand angelegt. Das ist billiger und lebendiger.“ Die genauen Baukosten möchte der Auftraggeber Dutch Design Week für sich behalten. Nur so viel: Man kann den Design Innovation Space getrost in die Riege des Low-Budget-Designs einreihen. „Doch was mir bei diesem Projekt wirklich am Herzen liegt, ist nicht die Tatsache der Dynamik, der Flexibilität, der Reaktionsfähigkeit auf jede einzelne Anforderung, sondern das Bekenntnis zum DIY, zum Do-it- Yourself.“ Jetzt wird Dave Keune kurz still, blickt um sich, holt tief Luft. „Wissen Sie, die gesamte Industrie baut darauf auf, dem Konsumenten das Denken und Handeln abzunehmen und ihn dadurch abhängig zu machen. Man kann gar nicht anders als konsumieren. Und wenn es nur der Erwerb eines simplen, vorgefertigten Produkts ist.“ Im Design Innovation Space hingegen, in dieser frei beweglichen, mit unendlichen Varianten bespielbaren Hülle, wird der Nutzer selbst zum Designer, avanciert vom Wirtschaftssklaven zum mündigen Gestalter. Hier kann jeder seinen Beitrag leisten. Das ist die Keimzelle von Kreativität.

 

Wojciech Czaja

 

Foto: Raoul Kramer

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