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Fabrik der räumlichen Experimente.

Magazin Contact #22

Fast 20 Jahre lang stand die ehemalige Textilfärberei Honghua im Hinterland der Megametropole Shenzhen leer. Das chinesische Architekturbüro O-Office hat in den leer stehenden Hallen nun Büros und Ateliers errichtet. Eine Revitalisierung mit Respekt und Gänsehautfaktor.

Auf den ersten Blick muss man an Hollywood und seine Blockbuster denken. An Armageddon, an 28 Days Later oder an Roland Emmerichs Katastrophenepos 2012. Das Bild ist ein apokalyptisches, ein verwahrlostes, ein bis ins letzte Detail von der Natur zurückerobertes. Die Fenster sind zerschossen, der Fußboden hat Löcher, der Beton weist etliche Abplatzungen auf, aus den massiven Decken lugt hie und da die korrodierte Bewehrung hervor, und überall Bäume, Sträucher, Gräser. Ein Wunder, dass diese Bauten noch stehen. Ein noch größeres, dass der Investor MJH Group die Ruinen nicht einfach abreißen und durch Neubauten ersetzen ließ, sondern genau diese Kulisse nutzte, um darin seine Vorstellungen von einer Arbeitsstätte zu verwirklichen. „Früher war hier die berühmte Honghua-Textilfärberei beheimatet“, erzählt Architektin Ying Jiang, die gemeinsam mit ihrem Partner Jianxiang He seit 2007 das chinesische Architekturbüro O-Office betreibt. „Die Fabrik wurde 1978 errichtet, aber bereits nach zehn Jahren wurde der Betrieb aufgegeben und das Areal aufgelassen. Seit damals stehen die Bauten hier draußen in den Bergen leer.“ Hier draußen in den Bergen – das ist in der Provinz Guangdong, rund 90 Minuten Autofahrt von der Megametropole Shenzhen entfernt, die gemeinsam mit Hongkong, Guangzhou und Macau eine Sonderwirtschaftszone bildet und zu einem der dichtesten und am schnellsten wachsenden Ballungsräume der Welt zählt. Allein in Shenzhen ist die Bevölkerungszahl seit 1980 von 30.000 auf über zehn Millionen angestiegen.

„Shenzhen entwickelt sich in einem so rasanten Tempo, dass man die Stadt von einem Tag auf den anderen kaum noch wiedererkennt“, so Jiang. „Hier regieren Fortschritt und der stetige Wandel nach Erneuerung. Alles ist neu und im permanenten Umbruch begriffen. Unser Projekt in den Bergen hinter Shenzhen ist so etwas wie eine Insel der stehen gebliebenen Zeit, wie ein Fenster in die Geschichte. Es respektiert den Bestand, der ganz offensichtlich viel zu erzählen hat. Und wir hören zu. Wenn Sie so möchten, ist unser Eingriff eine Art Lautsprecher aus der Vergangenheit.“ Während die meisten Investoren dem Bau wohl mit Abrissbirne und Bagger, ja zumindest mit Stemmeisen und Flex an den Kragen gegangen wären, bat die MJH Group die Architekten um Sorgfalt im gesamten Planungs- und Bauprozess. Das Resultat ist ein Haus im Haus, das man im besten Sinne des konzeptionellen Begriffs als räumliches Implantat bezeichnet könnte. An der bestehenden Betonhülle der stillgelegten Fabrik wurde, so scheint es, nicht die geringste Änderung vorgenommen. Stattdessen wurden in die leere Mitte des langen und schmalen Baukörpers autonome Boxen hineingestellt, die wie eine zufällig platzierte Möblierung wirken.

Fast ist man geneigt, Hand anzulegen, um die geometrischen Schachteln zurechtzurücken und in Reih und Glied zu stellen. Im langen, schwarz verkleideten Stahlriegel befinden sich Veranstaltungssaal, Co-Working-Space und ein Café. Die hinterleuchtete, transluzente Regalwand hinter der Bar lässt die hier abgestellten Flaschen zur mal farblosen, mal hellblauen, mal bernsteinfarbenen Lichtquelle mutieren. Ein schöner, appetitanregender Anblick. Der doppelte Knick im Baukörper gliedert den Raum in unterschiedliche Zonen mit verschiedenen Verweilqualitäten. Regelmäßig, erzählt Ying Jiang, fänden hier Ausstellungen und kleine Konferenzen statt. 

In den sieben weißen Boxen, die an den dunklen Gemeinschaftsraum anschließen, sind individuelle, anmietbare Büros und Ateliers für Künstlerinnen und Kreativschaffende untergebracht. Die Räume sind schlicht und nüchtern gehalten, weisen jedoch alle Annehmlichkeiten auf, die im Büroalltag unverzichtbar sind: weiße Wände, raumhohe Fenster, Klimaanlage, LED-Beleuchtung und Elektrifizierung auf neuestem Stand der Technik. Errichtet sind die Räume in Leichtbauweise mit Stahlkonstruktion, außen liegenden Stahlpaneelen und Holzbeplankung an der Innenseite. Durch die leichte Anhebung und das versteckte, gelbe Lichtband im Sockel sehen die Büroboxen auch bei Dunkelheit aus, als ob sie über dem Hallenboden schweben würden. „In den meisten Büros gibt es einen Innen- und einen Außenraum“, sagt Aki Lee, die das Projekt in den zwei Jahren seit Baubeginn planerisch und medial begleitet hat. „Hier aber gibt es auch diesen zauberhaften Zwischenraum, der innen und außen zugleich ist und der eigentlich keine spezifische Funktion hat – außer die Erschließung und die mentale Reflexion über Raum und Zeit. Es ist, als würde man sich am Weg zum Büro durch eine künstliche Landschaft begeben.“ Im Vordergrund, so Lee, stehe nicht die perfekt ästhetisierte Architektur, sondern der experimentelle Umgang mit dem Möglichen. Die Nachfrage nach unterschiedlichen Funktionsräumen auf dem Areal der ehemaligen Honghua- Textilfärberei ist mittlerweile so groß, dass die MJH Group in Zusammenarbeit mit O-Office in weiteren leerstehenden Hallen bereits ein Museum, ein Studentenheim und eine Jugendherberge errichtet hat. Das Ganze firmiert nun unter dem Namen iD-Town. Aktuell arbeiten die Architekten an einem Bürohaus sowie an einer International High School, die im September in Betrieb gehen wird. O-Office zeigt mit diesen Projekten vor, wie Revitalisierung mit Respekt und Gänsehautfaktor aussehen kann, und schafft damit ein neues, bislang kaum bekanntes Bild chinesischen Bauens. Nachahmenswert.

Wojciech Czaja

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