Ein Schreibtisch fürs Supertalent.

Was gestern der Zappelphilipp war, ist heute eine heiß begehrte Arbeitskraft: Immer mehr Unternehmen erkennen, wie sehr sie von der Anstellung neurodivergenter Mitarbeiter profitieren können. Doch wie sieht ein neurodivers inklusives Büro aus? Und worauf ist in der Gestaltung zu achten?

Sein Blick geht ins Leere, kein Augenkontakt, monotone Roboterstimme, null Gesichtsregungen, empathisches Niemandsland. Doch so unbeholfen er in Sachen Kommunikation und Emotionskompetenz ist, so sehr ist Shaun Murphy, ein junger Chirurg mit Autismus und Savant-Syndrom, der aus dem fernen Wyoming ans renommierte Saint Bonaventure Hospital im Silicon Valley bestellt wird, ein medizinisches Ausnahme-Genie – und damit auch zentrales Kapital des gesamten Krankenhauses. Die Fernsehserie The Good Doctor, gespielt vom damals nur 25-jährigen Freddie Highmore in der Hauptrolle, schaffte es auf einen Schlag, das Thema Neurodiversität in die breite Öffentlichkeit zu bringen und die Inselbegabungen neurodivergenter Menschen sichtbar zu machen.

„Autismus ist nichts, was man hat oder an dem man leidet“, sagt der US-amerikanische Aktivist und Buchautor Jim Sinclair. „Autismus ist eine Identität, und als solche ist sie allgegenwärtig, färbt jedes Erlebnis, jede Empfindung, jede Wahrnehmung, einfach alles unserer eigenen Existenz.“

Und die australische Soziologin Judy Singer, selbst im autistischen Spektrum beheimatet, prägte 1998 den Begriff der Neurodiversität – und schaffte auf diese Weise die Entstigmatisierung und zugleich Etablierung einer Sichtweise, die erstmals nicht auf Symptome und Diagnosen abzielt, sondern auf die Akzeptanz heterogener Sinneswahrnehmungen.

„Neurodiversität ist der Oberbegriff dafür, dass wir alle im Gehirn unterschiedlich verdrahtet sind und daher auch unterschiedlich funktionieren“, erklärt die Grazer Arbeitspsychologin Julie Simstich, die eine eigene Praxis unter dem Namen Hirnzigartig! leitet. „Und in diese Neurodiversität fallen nicht nur der Zappelphilipp und das verträumte Mädchen, wie wir früher gesagt haben, sondern auch neurodivergente Menschen mit Dyspraxie, Dyskalkulie, Legasthenie, Hochsensitivität, ADHS, Autismus und Asperger-Syndrom.“

Im Arbeitskontext seien neurodivergente Menschen unverzichtbar, so Simstich, und im War for Talents und Employer Branding ein nicht mehr zu vernachlässigender Faktor. „Doch es gibt ohnehin keine Alternative. Nachdem der gesellschaftliche Anteil an neurodivergenten Menschen mit geschätzten 15 bis 20 Prozent um ein Vielfaches höher ist als die österreichische Arbeitslosenquote, sind diese Menschen schon längst Teil der Unternehmenswelt. Die Frage ist nur, wie gut wir sie in ihren Bedürfnissen abholen, und wie sehr wir es schaffen, ihre einzigartigen Talente sichtbar und nutzbar zu machen.“

Neurodivergente Menschen – das bestätigen zahlreiche Studien und Erfahrungen namhafter Unternehmen – sind gute Troubleshooter, denken outside the Box und erkennen im Handumdrehen hochkomplexe Zusammenhänge. Viele von ihnen werden daher in der Programmierung eingesetzt. Der IT-Consultant Auticon bietet seit 2009 Neuroinklusions-Trainings an. Der Software-Entwickler SAP startete 2013 als einer der ersten am Markt ein eigenes Autism at Work Program. Und der Tech-Riese DELL führte 2018 eine neue Employee Experience ein, um auf diese Weise neurodivergente Menschen zu rekrutieren und eine neuroinklusivere Unternehmenskultur zu leben.

Doch wie gestaltet man ein Büro im Sinne der Inklusion und Neurodiversität? „Die meisten Menschen in einem neurodivergenten Spektrum brauchen Ruhe und tolerieren weder Ablenkung noch Orientierungslosigkeit“, so Simstich. „Daher empfehle ich Räume mit ruhigen Farben, neutralen Mustern, warmen Lichtquellen, geringen Geruchsemissionen und schallschluckenden Oberflächen. Und für eine gute Konzentrationsfähigkeit braucht es Telefonzellen, Flüsterkabinen und Escape-Räume. Manchmal hilft auch schon ein Egg Chair, in dem man sich für ein paar Minuten zurückziehen kann.“

Im Grunde genommen, meint die Arbeitspsychologin, gehe es um eine gute und gesunde Arbeitsplatzgestaltung, die allen zugutekomme. „Mit dem einzigen Unterschied, dass neurodivergente noch stärker als neurotypische Menschen darunter leiden, wenn gewisse selbstverständliche Qualitätsstandards nicht erfüllt sind. So gesehen sind Mitarbeiter wertvolle Seismografen, die schnell und direkt Auskunft darüber erteilen, ob ein Arbeitsraum gut gestaltet ist oder nicht.“

Bernhard Kern, CEO der Roomware Consulting GmbH, gibt zu bedenken, dass eine inklusive Büroarchitektur aber nicht bedeutet, dass jeder Raum gleich still, gleich hell und gleich fad ausschauen muss: „Ein inklusives Büro ist eines, das viele unterschiedliche Stimmungen und Atmosphären beinhaltet und das Arbeiten in ganz unterschiedlichen Kontexten ermöglicht – ruhig und ablenkungsarm für die einen, inspirierend und energetisierend für die anderen.“ Sein Fazit: „Im Zweifelsfall lieber etwas weniger Durchschnitts-Beige und stattdessen mehr Vielfalt und abwechslungsreiche Workplaces!“

Der deutsche Futurologe Max Thinius, der im Auftrag der University of Technology in Nürnberg (UTN) zum Spannungsfeld von Neurodiversität und digitalen Arbeitswelten forscht, warnt davor, die heterogenen Ansprüche neurodivergenter Menschen zu pauschalisieren. „Die einen brauchen eine stille Umgebung, die anderen einen Bildschirm mit hohen Frequenzen, um das Nervensystem nicht mit niederfrequentem Flackern zu belasten, wiederum andere sehnen sich nach einer Arbeitsumgebung mit vielen Sinnesreizen und lebendigen Hintergrundgeräuschen. Niemand ist Standard!“

Wie so eine kollaborative Bürolandschaft aussehen kann, zeigt sich beispielsweise im MAM Competence Center in Großhöflein, Burgenland, das für den Österreichischen Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit nominiert war. Das 4.500 Quadratmeter große Büro- und Laborgebäude der MAM Health & Innovation GmbH, die sich auf die Entwicklung von Babyartikeln spezialisiert hat, umfasst drei zylindrische Rundbauten mit hochwertig gestalteten Ruhe- und Bewegungsräumen und wurde als inklusives, neurodivers barrierefreies Wohlfühlbüro entwickelt.

„Wichtig war uns, dass jeder Arbeitsplatz eine gewisse Intimität hat und dass man im Sitzen nie mehr als sechs Meter und im Herumgehen nie mehr als 30 Meter auf einmal überblickt“, sagt Martin Lesjak, Partner im zuständigen Architekturbüro INNOCAD, „denn weitere Sichtradien sind psychologisch unangenehm und sorgen bei vielen Menschen für räumlichen Stress.“ Auch das Muster in den Teppichböden folgt Prinzipien der Stressreduktion, wie sie die NASA schon seit vielen Jahrzehnten anwendet, um Menschen im Weltraum den emotionalen Alltag zu erleichtern, und umfasst Ornamente mit visuell beruhigenden Fraktalmustern.

Ob ein autistischer Arzt in der Traumfabrik Hollywood, eine geniale Programmiererin in einem internationalen Software-Konzern oder eine weiß bekittelte Forscherin, die im burgenländischen Hightech-Labor den Prototypen für den Beißring von morgen entwickelt: Mitarbeiter mit Inselbegabungen brauchen, um sich in ihren Supertalenten voll entfalten zu können, eine inklusive, respektvolle, unterstützende Umgebung. Davon profitiert nicht nur der Mitarbeiter selbst, sondern letztendlich auch das Unternehmen – mit Resilienz, mehr Produktivität und höheren Innovationsraten.

Wojciech Czaja

Schönheit für alle: Jeder Mensch ist im Gehirn anders verdrahtet: Der eine braucht Ruhe, der andere soziale Stimulation. Die Königsdisziplin ist, ein Büro für alle Bedürfnisse zu schaffen. So wie hier: MAM Headquarter im Burgenland, INNOCAD Architecture.
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