Ergonomie ist die Wissenschaft von der menschlichen Arbeit. Sie sorgt für Komfort und Gesundheit am Arbeitsplatz. Ein Plädoyer für Pausen, erhellende Momente und physische Mikrobewegungen während des Sitzens.
Ergonomie, das wussten schon die alten Griechen, hat nicht allein mit Sitzen und Bequemlichkeit zu tun, und schon gar nicht mit quälenden Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, wenn man wieder einmal stundenlang auf einen einzigen Punkt gestarrt hat, sondern setzt schon viel, viel früher an, nämlich bei der gesetzlich verankerten Verantwortung von Arbeitgebern gegenüber ihren Arbeitnehmern. Ein Blick ins etymologische Wörterbuch verrät den eigentlichen Ursprung des Begriffs, der sich aus den beiden Wörtern ergon (Arbeit) und nomos (Gesetz) ableitet und der in diversen österreichischen Gesetzestexten wie etwa dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) und der Arbeitsstättenverordnung (AStV) auftaucht.
„Heute versteht man unter Ergonomie die Wissenschaft von der menschlichen Arbeit, die darauf abzielt, Arbeitsmittel, Arbeitsplätze und die Arbeitsumgebung an die physischen und psychischen Bedürfnisse des Menschen anzupassen“, sagt die Wiener Biologin und Verhaltensforscherin Elisabeth Oberzaucher, die seit einigen Jahren regelmäßig in der ORF-Sendung Science Busters zu sehen ist.
„Das klingt zwar sehr gut, ist in Wirklichkeit aber ein enorm ambitioniertes Unterfangen, denn aus evolutionstechnischer Sicht ist Büroarbeit ein Drama! Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, acht Stunden lang ununterbrochen in einer einzigen Körperposition zu verharren. Schon gar nicht auf einem Möbelstück, das kulturanthropologisch betrachtet eine sehr neue Errungenschaft ist.“
Umso wichtiger sei es, sagt Oberzaucher, die während des halbstündigen Zoom-Interviews im Garten auf und ab spaziert, dem Körper Bewegung und kinästhetische Abwechslung zu bieten. „Für viele Tätigkeiten im Laufe eines Arbeitstages ist Sitzen unvermeidbar, aber fürs Reden, Nachdenken und gemeinsame Brainstormen ist das Sitzen am Schreibtisch die mit Abstand dümmste Arbeitsform.“ Es gibt genug Alternativen. Ein Orts- und Positionswechsel sei das Minimum, idealerweise hinaus an die frische Luft, wenn die Jahreszeit das zulässt.
Mit einer Forschungskollegin hält sie selbst, wie sie erzählt, ihre sommerlichen Besprechungen meist im Schwimmen ab, irgendwo draußen in der Natur.
Auch für Gabriele Kastner, ganzheitliche Ärztin mit Fokus auf Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM, dreht sich vieles um das Dazwischen, um die Abwechslung, um die bewusste Gestaltung von Pausen. „Von meinen Patienten höre ich, dass sich im Bürodesign – je nach Unternehmenskultur und Offenheit gegenüber dem Thema – bereits viel getan hat. Ergonomische Drehstühle und höhenverstellbare Schreibtische sind in einigen Firmen längst Standard.“ Im Idealfall sei die Stuhlmechanik so konzipiert, dass der Körper eine gewisse, kaum wahrnehmbare Unstabilität mit permanenten Mikrobewegungen ausbalancieren muss. Ganz so, als würde man auf einem Sitzball herumwackeln. Das halte die Muskulatur auch über einen langen Arbeitstag fit.
„Aber am wichtigsten ist immer noch die Pausengestaltung“, sagt Kastner. „Zuhause im Home-Office stehen wir immer wieder auf, um uns einen Kaffee zu machen, um die Post aus dem Briefkasten zu holen oder um die Wäsche in die Waschmaschine zu schmeißen. Aber kaum sind wir im Büro, sitzen wir stundenlang wie angewurzelt fest. Ganz gleich, wie ergonomisch der Stuhl auch sein mag: Nach acht Stunden am Computer kriegt man Probleme.“ Als Prophylaxe empfiehlt die Medizinerin eine kurze Pause jede Stunde, ein paar Schritte im Raum, eine Handvoll simpler Übungen, um Rücken und Nacken zu entspannen. „In der Theorie wissen wir das bereits, aber in der Praxis macht das leider niemand. Die Leute schämen sich, die Bewegung ist ihnen peinlich, der Schritt zur Umsetzung fehlt.“
Und was bedeutet Ergonomie in Bezug auf Design und Architektur? „Der Büromöbelmarkt ist eine der dynamischsten Möbelbranchen überhaupt“, sagt Erich Bernard, Managing Partner bei BWM Designers & Architects. „Im Bereich Forschung, Entwicklung und Gesundheit hat sich hier in den vergangenen Jahren enorm viel getan. Viele Unternehmen haben verstanden, dass Ergonomie eine Win-win-Situation für alle Beteiligten ist: Die einen profitieren von körperlichem und geistigem Wohlbefinden, die anderen von mehr Output, mehr Effizienz, mehr Produktivität.“ Besonders innovativ, so Bernard, seien Firmen in der Tech- und Finanzbranche. Andere Sparten hingegen hinkten noch weit hinterher. Dringender Aufholbedarf.
„Für mich aber zählt vor allem der Einsatz nachhaltiger Baustoffe. Es bringt nichts, den besten, hochwertigsten Ergonomie-Drehstuhl hinzustellen, wenn ich im selben Raum mit billigen Teppichfliesen, synthetischen Anstrichen und minderwertigen Rollos arbeite, die bei intensiver Sonneneinstrahlung – so wie im letzten Rekordsommer – plötzlich anfangen, ihre Weichmacher zu emittieren und den ganzen Raum mit Plastikgeruch zu füllen. Das Gesamtpaket muss stimmen.“ Im Trend sieht der Architekt zum Beispiel Cradle to Cradle sowie authentische, haptisch angenehme Materialien wie etwa Holz, Linoleum und natürliche Textilfasern.
Der Wiener Designer Harald Gründl wiederum, Partner bei EOOS, einem internationalen Designstudio aus Wien, plädiert für einen sorgsamen Umgang mit Licht – Fenster, die sich nicht im Monitor spiegeln, sowie eine künstliche Beleuchtung, die je nach Grundriss, Raumbelegung und individueller Vorliebe jederzeit erweitert werden kann. „Vor ein paar Jahren haben wir eine modulare Stehleuchte entwickelt, die im Kopfbereich eine Docking-Station hat und die bei Bedarf mit einem einfachen Stecksystem nachgerüstet werden kann.“ Bei der Grundbeleuchtung empfiehlt der Designer ein ebenfalls flexibles, adaptierbares System mit Schienen, Dimmung, Lichtfarbauswahl, Tageslichtanpassung und automatischer wie auch individueller Ansteuerung.
Und für Fidel Peugeot, Partner im Wiener Designstudio Walking Chair, geht es nicht zuletzt um einen ausgewogenen Einsatz von Farben. „In Bereichen mit kurzer Aufenthaltsdauer wie etwa Lobby, Teeküche und Sanitärräume helfen kräftige Farben dabei, den Körper zu stimulieren. Am Arbeitsplatz hingegen muss es ruhiger sein. Aber bitte nicht zu fad! So wie der Körper beim Sitzen zu Mikrobewegungen animiert werden muss, so braucht es auch auf optischer Ebene immer wieder Abwechslung und einen Hauch von Chaos – mit Pinnwänden, mit Farb- und Materialwechseln, mit individueller, personalisierter Gestaltung – und wenn es nur ein Katzen- oder Familienfoto ist. Alles, bloß keine weißen, nüchternen Arbeitszellen! Das ist Kafka!“
Damit schließt sich der Kreis. „Ob Sitzen, Bewegung oder visuelle Umgebung“, meint die Science Busterin Elisabeth Oberzaucher, „wir müssen Büroarbeit dringend überdenken. Wir haben heute immer noch die vorherrschende Haltung, dass Arbeiten wehtun muss, dass wir unbequem sitzen müssen, dass wir uns nicht bewegen dürfen, dass wir uns mit Lärm, schlechtem Licht und ästhetischer Verarmung arrangieren müssen. Wie schade! Dabei kann Arbeiten so etwas Schönes sein! Und diese Schönheit darf sich auch in körperlichen und kognitiven Maßstäben widerspiegeln.“
Wojciech Czaja