Zwischen Rückenlehne und Resilienz

Wir bewegen Daten quer durch die Kontinente, teilen Ideen über digitale Kanäle und koordinieren Termine in virtuellen Kalendern, während unser Körper of t dort bleibt, wo er schon am Morgen war: am Bürostuhl. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die klassische physische Ergonomie, sondern ebenso um die zahlreichen psychischen Aspekte und um das Zusammenspiel von Körper und Geist.

Die Arbeitswelt verändert sich so schnell wie nie zuvor. Noch nie haben Menschen so viele Stunden in derselben Position verbracht: Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin verbringen heute Personen, die im Büro arbeiten, etwa 70 % ihres Tages im Sitzen*. Gleichzeitig haben sich die Anforderungen an den Arbeitsplatz grundlegend verändert. Wo früher vor allem Effizienz und Funktionalität im Vordergrund standen, rückt heute ein veränderter Fokus in den Mittelpunkt. Weg vom reinen Effizienzdenken hin zu einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit.

Eine neue Ära der Ergonomie

Damit erlebt ein Begriff eine neue Aktualität: die Ergonomie. Abgeleitet aus dem Griechischen ergon (Arbeit) und nomos (Regel) beschreibt sie die grundlegende Idee, Arbeit an den Menschen anzupassen – nicht den Menschen an die Arbeit. Lange Zeit wurde das Thema Ergonomie vor allem mit der richtigen Sitzhöhe, einem höhenverstellbaren Schreibtisch und der optimalen Position des Bildschirms verbunden. Mit der zunehmenden Digitalisierung und dem veränderten Gesundheitsbewusstsein hat sich das Verständnis jedoch deutlich erweitert. Heute umfasst der Begriff zwei eng miteinander verbundene Dimensionen: die physische und die psychische.

Der Körper arbeitet mit

Die physische Ergonomie beschäftigt sich mit allem, was den menschlichen Körper am Arbeitsplatz beeinflusst: Haltung, Bewegung, Arbeitsmittel und Raumgestaltung. Ergonomische Stühle, höhenverstellbare Arbeitsflächen, eine angepasste Beleuchtung und Raumtemperatur helfen, gesundheitliche Belastungen zu reduzieren, Rücken-Erkrankungen vorzubeugen und die Konzentrationsfähigkeit zu erhalten. Es geht zudem nicht mehr um die eine perfekte Position beim Arbeiten, sondern um den regelmäßigen Wechsel von Positionen. Prävention entsteht nicht erst dann, wenn etwas schmerzt. Sie entsteht im Alltäglichen – durch kleine Bewegungen, kurze Pausen, das Aufstehen zwischen Meetings und Arbeitsumgebungen, die Aktivität fördern, statt sie zu verhindern.

Kognitive und mentale Ergonomie, die zweite Dimension

Kognitive und mentale Ergonomie werden häufig gemeinsam betrachtet, unterscheiden sich jedoch in ihrem Schwerpunkt. Die kognitive Ergonomie beschäftigt sich mit den Prozessen, die unsere tägliche Arbeit bestimmen, wie Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung. Herausforderungen moderner Arbeitswelten entstehen heute durch die ständige Erreichbarkeit, wiederholte Unterbrechungen und Informationsflut. Ziel der kognitiven Ergonomie ist es daher, Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass Menschen Informationen effizient verarbeiten können, ohne dauerhaft überfordert zu sein. Klare Strukturen, verständliche Informationswege, reduzierte Ablenkungen und eine smarte, individuelle Arbeitsplatzgestaltung.

Ergänzend dazu erweitert die mentale Ergonomie diese Perspektive um die innere Verarbeitungsebene: Sie beschreibt, wie Arbeitsbedingungen unser Stressempfinden und unsere Resilienz beeinflussen. Während die kognitive Ergonomie also vor allem die Denkprozesse optimiert, richtet die mentale Ergonomie den Fokus auf das langfristige Wohlbefinden und das innere Gleichgewicht. Dabei spielt auch die Unternehmenskultur eine entscheidende Rolle, da sie maßgeblich beeinflusst, wie mit Belastung, Erholung und psychischer Gesundheit im Arbeitsalltag umgegangen wird. Während der kognitive Aspekt stark durch organisatorische Rahmenbedingungen geprägt ist, leistet beim mentalen Aspekt insbesondere die gelebte Kultur eines Unternehmens einen wichtigen Beitrag. Gemeinsam mit der physischen Ergonomie bilden sie die Grundlage einer ganzheitlichen Ergonomie, die nicht nur darauf abzielt, wie wir arbeiten, sondern auch, wie wir Arbeit erleben und verarbeiten.

Gemeinsames Wechselspiel

Dabei beeinflussen sich die Bereiche permanent gegenseitig. Wer über Stunden unbequem sitzt, verliert schneller die Konzentration. Wer unter hoher mentaler Belastung arbeitet, nimmt körperliche Warnsignale häufig erst spät wahr. Schlechte Luft, störender Lärm oder zu wenig Licht wirken nicht nur auf den Körper, sondern auch direkt auf Aufmerksamkeit, Stimmung und Entscheidungsfähigkeit. Genau deshalb denken moderne Arbeitsplatzkonzepte beide Dimensionen gemeinsam. Offene Arbeitslandschaften werden heute zunehmend durch differenzierte Raumkonzepte ergänzt. Statt eines einzigen Arbeitsbereichs entstehen Zonen für konzentriertes Arbeiten, kreative Zusammenarbeit und informellen Austausch. Ergänzt werden diese Konzepte durch biophiles Design, also die gezielte Integration von natürlichen Elementen, die nachweislich das Wohlbefinden steigern können. Moderne Workspaces passen sich an unterschiedliche Aufgaben, Arbeitsweisen und persönliche Bedürfnisse an. Der moderne Arbeitsplatz wird zu einem Umfeld, das Menschen dabei unterstützt, ihr Potenzial langfristig zu entfalten.

 

*Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Juli 2024

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