Ein Plädoyer für Bewegung.

Es ist kurz nach neun. Die Screens sind an, das erste Meeting in Vorbereitung, die Mails gecheckt. Ein paar Schritte zur Kaffeemaschine und wieder zurück in den ergonomisch präzise eingestellten Stuhl. Ergonomie bedeutet heute weit mehr als die richtige Sitzhöhe: Es geht um Bewegung, um Aufmerksamkeit statt Reizüberflutung und um die Frage, wie Menschen langfristig gesund, konzentriert und leistungsfähig bleiben.

Kaum jemand kann diese Entwicklung aus so unterschiedlichen Perspektiven betrachten wie Andreas Mitterfellner. Als ehemaliger Spitzensportler, mehrfacher österreichischer Staatsmeister und international erfolgreicher Judoka hat er gelernt, wie eng Leistungsfähigkeit und Gesundheit miteinander verbunden sind. Heute begleitet er als Physiotherapeut und Coach Menschen dabei, ihren Körper besser zu verstehen – nicht nur auf der Wettkampfmatte, sondern im Alltag und am Arbeitsplatz. Im Gespräch erklärt Andreas Mitterfellner, warum Bewegung nicht erst nach Feierabend beginnen sollte, weshalb ergonomische Ausstattung allein selten ausreicht und warum die Arbeitsplätze der Zukunft vor allem eines sein müssen: menschlicher.

Sie kommen aus dem Spitzensport und sehen heute Menschen, die acht Stunden am Tag sitzen. Was ist der größere Belastungstest für den Körper?

Ganz klar das Sitzen. In den vergangenen Jahren ist die Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen“ zunehmend in den Fokus gerückt. Ich sehe es nicht ganz so drastisch, bin aber ein Befürworter von regelmäßigen Bewegungspausen, da wir dynamische Wesen sind und nicht für stundenlanges Verharren in derselben Position gemacht sind. Langes Sitzen kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöhen. Es kann zu einer verminderten Insulinempfindlichkeit und zu einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes führen. Zu viel Sitzen reduziert die körperliche Aktivität, was zu Übergewicht und anderen Gesundheitsproblemen führen kann. Des Weiteren kann eine sitzende Lebensweise Haltungsschäden und Rückenschmerzen auslösen. Die Annahme, dass intensiver und Leistungssport auch Verschleiß zur Folge hat, greift hingegen zu kurz. Entscheidend ist nicht die Intensität der Bewegung, sondern wie sie ausgeführt wird. Ein Körper, der regelmäßig und angepasst trainiert wird, ist sogar weit belastbarer als einer, der dauerhaft geschont wird. Bewegung ist eine der wirksamsten Formen der Prävention und eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Körper langfristig leistungsfähig und gesund bleibt.

Im Judo ist Bewegung eine permanente Anpassung. Haben wir in unseren Büros eine Arbeitswelt geschaffen, die dem natürlichen Bewegungsbedürfnis des Menschen widerspricht?

Ja, definitiv haben wir uns eine gewisse Falle gebaut. Das Büro, wie wir es kennen, ist im Grunde ein fester Platz, feste Haltung und maximale Kontrolle. Nur dass statt körperlicher jetzt mentale Arbeit geleistet wird. Das menschliche Nervensystem hat das nie wirklich mitgemacht. Das Gehirn braucht Bewegung, um überhaupt gut zu funktionieren. Kognition und Motorik sind evolutionär untrennbar. Wenn der Körper stillsteht, läuft auch das Denken in Schienen. Judo heißt übersetzt der sanfte Weg. Im Randori (freies Üben) geht es um Dynamik und Flexibilität. Dabei gibt es kein richtiges Stillhalten. Wer erstarrt, verliert.

Warum fällt es uns so schwer, uns im Arbeitsalltag regelmäßig zubewegen, obwohl wir es eigentlich besser wissen?

Ich denke, einige der häufigsten Hindernisse sind Zeitdruck und Arbeitsbelastung. Ein straffer Zeitplan und eine hohe Arbeitslast führen oft dazu, dass Bewegung als weniger prioritär wahrgenommen wird. Ich denke, in fast allen Firmen wird ein sitzender Lebensstil als normal akzeptiert. Zudem gibt es einfach oft unzureichende Anreize sich zu bewegen.

Wie kann man dem entgegensteuern?

Es gibt verschiedene Strategien, um die negativen Auswirkungen des Sitzens im Büroalltag zu minimieren. Das Einfachste sind kurze Pausen mit Bewegung. Ich bin ein großer Fan von sogenannten Exercise Snacks. Bewegung erhöht die Insulinwirkung um das 35-fache und die Glukoseaufnahme um das 100-fache, egal wie aktiv man ansonsten im Alltag ist. Einfach gesagt: Bereits kurze Bewegungspausen können eine erstaunlich große Wirkung haben – sie aktivieren den Stoffwechsel und tragen langfristig dazu bei, einen Überschuss an viszeralem Fett, welches sich in der Bauchhöhle befindet und die Organe umschließt, sowie ein Zuviel an isolierendem, direkt unter der Haut liegendem subkutanem Fett zu reduzieren.

Kann ein Arbeitsplatz perfekt ergonomisch ausgestattet sein und trotzdem krank machen?

Stress, laute Umgebung und falsche Beleuchtung können uns trotz perfekt ergonomisch ausgestattetem Arbeitsplatz krank machen. Einer der entscheidendsten Punkte eines gesunden Lebens – nicht nur am Arbeitsplatz – ist die soziale Interaktion mit Arbeitskollegen beziehungsweise Freunden. Ein eingespieltes Team meistert Herausforderungen besser und trägt wesentlich zum Wohlbefinden bei. Bewegung und Sport verbinden zudem. Außerdem wird in Büros der Qualität von Möbel nicht genug Beachtung geschenkt. Das hat langfristig negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden.

Sie arbeiten mit Spitzensportlern wie Lindsey Vonn sowie Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen. Gibt es Muster, die sich unabhängig von Alter, Branche oder Position immer wieder zeigen?

Ein Leistungssportler kann nur durch regelmäßiges Training dauerhaft Erfolge erzielen. Ohne Kontinuität und Fokus wird es schwer, Ziele zu erreichen – sei es eine Medaille oder das große Ziel, gesund zu sein. Man muss dranbleiben. Es sind oft die kleinen Dinge mit großer Wirkung. Angepasste regelmäßige Bewegung – nicht nur am Arbeitsplatz – kann sehr wirkungsvoll sein.

Wo endet die Verantwortung des Unternehmens, und wo beginnt die des Einzelnen?

Aus meiner Sicht ist jeder selbst dafür verantwortlich, auf seine Gesundheit zu achten. Aufklärung mit Hilfe von Schulungen und Programme zur Gesundheitsförderung wie Company Fitness oder Stressmanagement-Workshops sind eine große Unterstützung und schulen das Bewusstsein jedes einzelnen Arbeitnehmers. Frei nach dem Motto „Mens sana in corpore sano“ – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.

Was werden wir in zehn Jahren über unsere heutige Arbeitsweise denken?

Wir werden hoffentlich gelernt haben, dass Gesundheit ein Zusammenspiel von Körper und Geist ist. Ich hoffe, dass in naher Zukunft auch mit Hilfe künstlicher Intelligenz mehr Augenmerk auf die Gesundheit gelegt wird. Bestenfalls lernen wir aus der Vergangenheit, dass wir mehr denn je gesunde Menschen brauchen, um alle voneinander zu profitieren.

Exercise Snacks fürs Büro.

Time(r) für Bewegung
Wecker stellen und alle 30 bis 60 Minuten aufstehen, gehen und dehnen.

Die Nächste, bitte!
Alle 10 bis 15 Minuten die Sitzposition wechseln.

Mikrobewegungen
Schultern alle paar Minuten nach hinten unten ziehen und wieder lockern.

Kaffee-Walk
Mal auf die Milch „vergessen“ und den Weg noch einmal gehen.

Schreibtisch-Liegestütze
Hände auf den Schreibtisch, Körper gerade, 10 bis 20 Wiederholungen. Stärkt Brust, Schultern, Arme und Rumpf.

Treppe statt Aufzug
Die einfachste und zugleich effektivste Bewegung für zwischendurch.

Meetings mit Bewegung
Besprechungen – wann immer möglich – im Stehen oder Gehen durchführen. Das fördert die Konzentration.

Perspektivwechsel
Bildschirm minimal versetzen. Ein paar Grad nach links oder rechts, und der Kopf bekommt eine andere Haltung.

Ladezeiten
Aufstehen, Arme hoch, auf die Zehenspitzen stellen und wieder locker absenken.

Schreibtisch-Katzenbuckel
Rücken rund machen und Kinn zur Brust ziehen. Danach den Rücken vorsichtig in die Gegenrichtung strecken.

Der unsichtbare Stuhl
Vor den Bürostuhl stellen, Füße hüftbreit, und so tun, als würde man sich hinsetzen.

Hoch die Wadln
Auf den Zehenspitzen stehen. Die Waden dabei fest anspannen. Die Fersen langsam wieder absenken.

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