Wie Telepräsenz die (digitale) Zusammenarbeit belebt.
Paris, 8 Uhr morgens. Salim Azouzis Arbeitstag beginnt. Er ist zuhause an seinem Schreibtisch, öffnet sein Notebook, loggt sich ein, und innerhalb weniger Sekunden befindet er sich im rund 500 Kilometer entfernten Office in Lyon. Telepathie? Fast. Salim nutzt einen sogenannten Telepräsenz-Roboter, der es ihm ermöglicht, aktiv im Büro anwesend zu sein, sich zu bewegen, mit Kollegen zu sprechen und am Arbeitsalltag teilzunehmen. Und das ohne fünfstündigen Fahrtweg.
Der Kopf des Telepräsenz-Roboters besteht aus einem Bildschirm, auf dem Salim Azouzi zu sehen ist. Und zwar so wie bei ganz normalen Videokonferenzen. Der entscheidende Vorteil im Vergleich mit regulären Videoconferencing Tools ist die Mobilität des Roboters. „Ich kann mich frei bewegen und am ganz normalen Büroalltag teilnehmen“, erklärt Salim Azouzi, Strategic Relations Director beim Unternehmen Awabot, welches Telepräsenz-Systeme weltweit vertreibt.
Da dem Roboter das Treppensteigen derzeit noch nicht möglich ist, ist bei Awabot in jedem Stockwerk ein Roboter stationiert, auf den Salim per Knopfdruck zugreifen kann. „Das erlaubt mir den raschen Ortswechsel für Meetings. Innerhalb des Stockwerks kann ich mich ungehindert bewegen, suche Kollegen auf und unterhalte mich am Flur“, so Azouzi. Nur beim Öffnen von Türen ist Salims Roboter-Double noch auf externe Hilfe angewiesen: „Wir arbeiten bereits an einer sogenannten Teleoperations-Funktion. Damit können Anlagen vor Ort bedient und somit auch Türen geöffnet werden. Es ist für mich aber kein Problem. Bei Bedarf bitte ich einfach meine Kollegen, mir zu helfen. Das fördert die soziale Interaktion zusätzlich“, bestätigt Salim.
Doch, kann diese Form der Telepräsenz die physische Zusammenarbeit im Büro ersetzen? Oder fehlt irgendwann der echte Kontakt? Salim Azouzi ist mit seiner Situation zufrieden: „Natürlich ist es einfacher, direkt vor Ort zu sein. Doch für mich, der 500 Kilometer entfernt wohnt, ist das die beste und effektivste Lösung. Es fühlt sich an, als wäre ich anwesend, und ich kann auch an informellen Events teilnehmen.“ Jeden Morgen treffen sich die Kollegen kurz zum Kaffeetrinken und zum gemeinsamen Austausch: „Ich mache mir meinen Kaffee zuhause und bin durch den Roboter trotzdem mitten im Geschehen, pflege meine Sozialkontakte und fühle mich integriert.“
Auch während alltäglicher Fokusarbeit am PC loggt Salim sich ein und ist mittels Roboter anwesend: „So kann ich viel spontaner reagieren, schnell bei Kollegen nachfragen und bekomme auch die Office News live mit.“ Für externe Videomeetings oder Telefonate stellt er temporär den Ton aus.
Ein Roboter, der sich unter die Menschen mischt und sich ganz frei im Büro bewegt: Das ist für Salims Kollegen schon lange nicht mehr irritierend, sondern Normalität. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich sehr schnell an den Roboter gewöhnen. Das Display mit der realen menschlichen Person macht es einfacher.“
Dennoch sind Telepräsenz-Roboter noch nicht sehr verbreitet. Weltweit sind zwischen 6.000 und 10.000 Geräte von Awabot im Umlauf. Der Großteil davon im Bildungsbereich. „Schulen sind Vorreiter, was den Einsatz dieser Technologie betrifft. Hier werden die Roboter für erkrankte Schüler verwendet, die nur schwer am Unterricht teilnehmen können“, erklärt Azouzi.
Awabot vertreibt zurzeit zwei Modelle: den Beam® und den BeamPro®. Der Beam®-Roboter ist für den Bürobereich gedacht, so wie Salim ihn nutzt. Die Kosten für das Gerät inklusive Software belaufen sich auf 5.000 Euro. Für Großevents wie Sportveranstaltungen eignet sich die erweiterte Pro-Version für 15.000 Euro. „Wenn wir ein neues Gerät für einen Kunden implementieren, findet auch die gesamte Testung remote statt“, erklärt Salim.
Verbesserte Zusammenarbeit, mehr Realitätsfeeling und die Förderung informeller Kommunikation: Telepräsenz-Roboter sind eine spannende Technologie, die für die digitale Zusammenarbeit durchaus Impulse geben kann. Doch, wie sieht die Zukunft aus? Werden die Roboter bald von Hologramm-Technologien abgelöst? Wir haben Salim Azouzi abschließend dazu befragt: „Hologramme sind derzeit noch statisch, können sich nicht an andere Orte bewegen und sind zudem sehr teuer. Durch die Roboter ist man in gewisser Weise physisch anwesend und steuert das Gerät auch selbst. Das macht es irgendwie menschlicher. Trotzdem entwickelt sich natürlich jede Technologie weiter. Wir werden sehen.“
Bis dahin ist Salim Azouzi mehr als zufrieden mit seinem Telepräsenz-Roboter. Er freut sich bereits auf die nächste Pizza-Party des Unternehmens, wo er wieder mit seinem technischen Zwilling teilnimmt, mit den Kollegen scherzt, redet, lacht und gemeinsam seine selbst bestellte Pizza isst. Die darf natürlich nicht fehlen – sonst fühlt es sich nicht echt an.
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