Magazin Contact #13 - Magazin - Wiesner-Hager - Concept Wiesner-Hager
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Weniger kann mehr.

Magazin Contact #13

Boffi zählt ebenso zu ihren Kunden wie WMF, Belux oder Wiesner-Hager: Die beiden Stuttgarter Designer Barbara Funck und Rainer Weckenmann richten ihren Fokus auf die Kultur des Alltags. Badmöbel oder Wohnaccessoires, das Besteck oder die Leuchten: Die beiden schaffen Produkte, die uns wie gute Freunde durch den Alltag begleiten wollen.

Wie ein Saucenfond reduziert auf das Wesentliche: Wofür steht neunzig° design?

Rainer: Die Funktion ist die Basis unserer Arbeit, das Fundament. Wenn diese Pflicht erfüllt ist, fangen wir erst richtig an. Ein Stuhl hat neben den harten Anforderungen eine Menge weicher Faktoren zu erfüllen. Er muss zum Sitzen einladen, er muss Sexappeal haben und begehrlich sein. Wir suchen Codes, die unsere Produkte beziehungsfähig machen.

Barbara: Unser Zugang ist dabei ein spielerischer. Einer, der dem Zufall Raum lässt. Wir sehen den Zufall als ästhetisches Moment. Schauen wir uns die Natur an, z.B. Ameisenstraßen: hier finden wir keine rechtwinkligen Raster. Die Tiere ordnen sich frei und immer wieder neu. Diese chaotische Systematik hat zum Entwurf der „macao“ Tische geführt. Wir wünschen uns, dass sie ein Eigenleben im Raum beginnen und jeden Tag an den Platz wandern, wo sie gebraucht werden. Dabei spielt die Anzahl und Richtung der Stühle zu Tischen keine Rolle. Gerade die lockere Gruppierung gibt dem Ganzen Natürlichkeit.

 

An ihrem Design sollt ihr sie erkennen ... Was ist „typisch neunzig° design“?

Rainer: Es geht uns nicht um Selbstverwirklichung. Es geht nicht darum, dass man uns erkennt, sondern unseren Partner. Für ihn entwickeln wir ein spezifisches Erscheinungsbild, an dem man ihn wiedererkennen kann.

Barbara: Ich finde, unsere Gestaltung ist zurückhaltend, aber sie hat Persönlichkeit. Wir sprechen gerne vom lyrischen Minimalismus. Das heißt: Wir arbeiten zwar mit wenigen, sparsamen Mitteln, gleichzeitig suchen wir Eigenschaften, um den Produkten Charme und Leben einzuhauchen. Das ist für uns ein Moment der Poesie.

 

Stört es euch, dass der Begriff „Design“ verpönt und abgenutzt ist?

Rainer: Klar tut es das! Gerade im Design wird die Kultur sichtbar. Ebenso wie in der Architektur und mehr als in der Kunst. Wie leben wir, wie organisieren wir uns, worüber denken wir nach ...

Barbara: Design wird aber auch auf sehr hohem Niveau diskutiert. Heute ist Design in allen Bereichen selbstverständlich geworden.

 

Museumsbesuche, Musik, Brotbacken, Sex – was sind eure Inspirationsquellen?

Rainer: Brot habe ich noch nie selbst gebacken, Museumsbesuche sind selten inspirierend – ansonsten kommt das hin! Außerdem wäre da noch die Architektur. Vor allem die Architektur der Natur, die ja enorm vielfältig ist.

Barbara: Freilich setzen wir uns dabei nicht mit der Zielvorgabe hin, einen Stuhl zu entwerfen, der aussieht wie ein Ahornblatt. Und es erschöpft sich nicht damit, irgendwo Blümchen draufzumalen. Wie arbeitet die Natur? Wie organisieren sich Grashalme, wie funktioniert eine Schlingpflanze. Dieses Ur-Wissen lassen wir in unsere Entwürfe einfließen, es formt unsere Produkte.

Wir sind fasziniert vom Ideenreichtum und der Ästhetik, die wir hier finden.

Gegen wen oder wofür kämpft ihr?

Barbara: Viele Hersteller haben Angst, sich von Gewohntem zu trennen. Sie sehen das Risiko, nicht die Chance. Kämpfen müssen wir auch für die Qualität eines Entwurfes. Das bereitet oft viele schlaflose Nächte.

 

Sind in eurem Leben schon Dinge passiert, mit denen ihr nicht im Traum gerechnet hättet?

Rainer: Mir nicht ... dir?

Barbara: Natürlich.

 

Hat sich euer Zugang zum Design im Lauf der Zeit verändert?

Barbara: Wir leben in und mit der Zeit, gestalten die Welt, während die Welt uns gestaltet. Vor 15 Jahren haben wir Dinge gemacht, die heute ganz anders aussehen würden, na und.

Rainer: Das hoffe ich doch. Ich liebe Veränderung – Statik langweilt mich.

 

Euer Haus brennt ab. Ihr könnt einen einzigen Gegenstand retten. Was ist das?

Rainer: Meinen Computer! Da ist alles Wichtige drauf. Außerdem das Ding neu zu installieren, kostet mich mehrere Tage und viele Nerven.

 

Was liegt auf eurem Nachtkästchen?

Barbara: „Der glücklichste Mensch der Welt“ von Tahir Shah. Eine wunderbare Reise zu den Geschichtenerzählern Marokkos, den Hütern der Weisheit ...

Rainer: „Christophs Buch der Entdeckungen“ aus „Die Sendung mit der Maus“. Das ist recht spannend!

Jetzt weiß ich auch, woran man erkennt, ob der Mond ab- oder zunimmt.

 

Da hättest du mich fragen können und kein ganzes Buch lesen müssen. Beendet bitte folgenden Satz: „Wussten Sie, dass …“

Barbara: Da sollten wir vermutlich irgendwas Schlaues sagen, oder? Komm Rainer, mach, mal! Rainer: ... mir dazu überhaupt nichts einfällt?“

 

 

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