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Aus der Mitte entspringt das Glück

Magazin Contact #20

Was tun mit der unterbelichteten Zone in der Mitte des Büros? Das Angebot wird immer größer, zumindest in der Theorie. In der Praxis jedoch haben Arbeitgeber Angst vor zu viel Gemütlichkeit und zu wenig Effizienz. Studien belegen das Gegenteil: Eine attraktiv gestaltete Mittelzone mit Recreation-Areas und Räumen zum Austoben ist eine Win-win-Situation für alle.

Mit Geld ist nicht zu spaßen. Mit sehr viel Geld schon gar nicht. Vor wenigen Wochen wurde in Frankfurt am Main das neue Headquarter der Europäischen Zentralbank eröffnet. Der von Coop Himmelb(l)au geplante EZB-Tower wirkt innen wie außen erwartungsgemäß streng. Die zum Gang hin verglasten Büros sind durch und durch grau, mit grauem Teppichboden, grauen Fensterprofilen und silbergrau eloxierter Decke. Auch die euromünzengrauen Büromöbel, mit denen die 2.600 Arbeitsplätze ausgestattet wurden, bieten wenig Aussicht auf
einen bunten Alltag.

Doch dann die große Überraschung: Die Teeküchen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erstrahlen in knalligen Farben, in kindlichem Babyblau, in psychedelisch changierendem Gelbgiftgrün und in so manchen Tönen, für die der Duden keine Worte kennt. Auch die Atrien, die eingehängten Plattformen, die die beiden Turmhälften alle 40, 50 Meter mit-
einander verbinden, sind im Vergleich zu den
regulären Bürozellen eine Mischung aus luftig und mondän. Der EZB-Tower im Frankfurter Ostend ist der Beweis dafür, dass die Mittelzone im Büroalltag angekommen ist.

„Auch in Österreich setzt sich die kreative Gestaltung der Mittelzone mehr und mehr durch“, sagt Bernhard Kern, Geschäftsführer der Roomware Consulting GmbH, im Gespräch mit contact. „Es sind vor allem die Unternehmen aus dem IT-Bereich und es sind neue Ansätze wie etwa Design Thinking und Scrum, die die Entwicklung antreiben.“ Immer wichtiger, so Kern, werde die Mittelzone als Ort der informellen Kommunikation, aber auch des persönlichen Rückzugs für zwischendurch.

Die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten ist enorm und reicht von Me- und We-Places über gemütliche Lounges, Küchen und Bars, bis hin zu verspielten, ungewöhnlichen Zonen mit Tischfußball- und Tischtennis-Tischen und sogenannten Silent Rooms. Vor allem temporäre, flexible Arbeitsplätze für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Außendienst sind in der Mittelzone gut aufgehoben. „Man darf die Bürogestaltung, vor allem im Open Space, nicht nur als die Summe von Arbeitsplätzen sehen“, so Kern. „Wenn man sich als attraktiver Arbeitgeber am Markt positionieren und seinen Mitarbeitern ein angenehmes Ambiente bieten will, muss man zur meist effizienten Gestaltung des Office-Bereichs reizvolle Alternativen anbieten.“ Pro 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlägt der Fachmann die Errichtung eines individuellen Elements vor. Je größer die Auswahl an unterschiedlichen Auszeit-Plätzen im Büro, desto besser.

Besonders gewagt sind die Mittelzonen-Gestaltungen – man kennt die Bilder aus den Medien – bei Google, Apple, Facebook, Microsoft, eBay, Amazon und Airbnb.

Da hängen Gondeln von der Decke, da stehen alte Couches wie in Omama᾿s Wohnzimmer herum, da fühlt man sich bisweilen in andere 
Universen katapultiert. Doch auch traditionellere, konservativere Unternehmen haben bereits die
Mittelzone als Garant für Qualität und Zufriedenheit entdeckt. Die Tiroler Bank BTV, die deutsche Deka-Bank und die Nationalbahn Nederlandse Spoorwegen stellen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sogenannte Alphasphere-Liegen zur Verfügung. Das Hightech-Bett des österreichischen Künstlers sha. versetzt den Körper mit seinen Lichtstimmungen, Klangspielen und Vibrationen in einen Zustand von Schwerelosigkeit. Mit Erfolg: Seitdem die Angestellten die Möglichkeit haben, zu Mittag auf diese Weise ein 30-minütiges Nickerchen zu machen, sind Fehler und Konzentrationsschwächen deutlich zurückgegangen.

„Das alles sind wunderbare Leuchtturm-Projekte“, sagt Bernhard Herzog, Leiter der Forschung bei der M.O.O.CON GmbH. „Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass man in den meisten Organisationen diesem Thema gegenüber leider noch nicht allzu aufgeschlossen ist. Man hat Angst davor, dass schließlich nichts Gescheites rauskommt. Dabei beweisen zahlreiche Studien, dass die besten Ideen genau dann aufkommen, wenn es im Berufsalltag Abwechslung gibt, wenn man auch einmal abschalten und zwischendurch ab und zu etwas ganz anderes machen kann.“
Für den Prothetik-Entwickler Ottobock, Weltmarktführer auf dem Gebiet von Prothesen und künstlichen Gelenken, entwickelt M.O.O.CON derzeit ein Büro für 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der neue, rund 15.000 Quadratmeter große Bauteil in Wien-Simmering umfasst neben Büros, Werkstätten und Ausstellungsbereichen ein breites Angebot an Mittelzonen wie etwa Yoga-Räume, Kaminzimmer, Bibliotheken, Game-Rooms mit Tischfußball, Airhockey und Kletterwand sowie diverse Entspannungsräume. „Das Wichtigste ist, dass das räumliche Angebot zur Firmenphilosophie und zur Unternehmenskultur passt“, so Herzog. Im besten Fall bringe die Mittel-zone eine Win-win-Situation für alle.

„Eine attraktive Mittelzonen-Gestaltung ist nicht nur ein Symbol für die Wertschätzung des Mitarbeiters, sondern auch ein wertvoller Ort der Begegnung und Kommunikation“, sagt die Wiener Arbeitspsychologin Bettina Wegleiter. „Hier trifft man einander, hier tauscht man sich auf persönlicher Ebene aus, hier können Konflikte im Team auf einfachste Weise bereinigt werden.“ Einige Unternehmen in den USA dächten bereits darüber nach, einen eigenen CHO, einen sogenannten Chief Happiness Officer, zu ernennen. Dieser habe die Aufgabe, für einen entsprechenden „Happy Business Index“ im Unternehmen zu sorgen.

Wojciech Czaja

 

Fotocredit: Heatherwick Studio and BIG; geplantes Google Campus in Mountain View (Silicon Valley)

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