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Nichts ist so beständig wie der Wandel. Und der Raum.

Magazin Contact #21

Welche Dynamik bei interdisziplinären Arbeitsgruppen entsteht, konnten wir kürzlich bei einem Workshop der IG Architektur Wien aus der Reihe „Bitte zu Tisch“ miterleben. Unter dem Titel „Arbeit << >> Raum“ beschäftigten sich Arbeitsgruppen aus Architektur, Wirtschaft, Consulting und Büroeinrichtern mit Zukunftsfragen rund um das Thema Büro. Einer der Tisch-Gastgeber war Richard Scheich vom Architekturbüro feld72. Mit ihm und seinem Firmenpartner Mario Paintner unterhielten wir uns im Anschluss an den Workshop über Status-Quo und Zukunft bei der Entwicklung von Bürogebäuden.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem IG Architektur- Workshop „Arbeit << >> Raum“ gezogen?
Scheich: In unserer Arbeitsgruppe wurde das Thema „Was ist für das Verhältnis zwischen Arbeit und Raum essentiell?“ behandelt. Im Gespräch mit den Teilnehmern kam auf, wie rasant die Entwicklung in der Büroarbeitswelt – bedingt durch den technologischen Fortschritt – im Vergleich zu anderen Architektursparten vor sich geht. Es entstand der Eindruck, dass mit Internet und der mobilen Technik der Raum zur Nebensache geworden ist. Diese Entwicklung wurde kritisch hinterfragt.

Inwiefern?
Scheich: Wir stehen jetzt in einer Phase nach einer extremen Flexibilisierung in der man geglaubt hat, dass alles losgelöst vom Raum machbar ist. Es braucht aber das Menschliche bzw. die soziale Reibung, um im Wettbewerb einen Schritt vorne zu sein. Das erkennen auch immer mehr Unternehmen. Die Mitarbeiter werden teilweise schon wieder „ins Büro zurückgeholt“. Dabei geht es aber nicht mehr so sehr um den Arbeitsplatz selbst, sondern vielmehr um das Rundherum – um komplette Konzepte von Arbeitswelten, in denen der einzelne Arbeitsplatz nur mehr ein Baustein ist.

Wohin verändern sich diese Arbeitswelten?
Painter: Früher wurden Mitarbeiter oft arbeitsplatztechnisch entsprechend dem Status und Rang in der Hierarchie ausgestattet. Mittlerweile werden Büros viel stärker tätigkeitsbezogen und offener konzipiert. So versucht man „The Best of Both“ anzubieten: Also zum einen die Vorteile einer offenen Raumstruktur mit hoher Flexibilität, aber auch Elemente wie Konzentrationszellen, Besprechungsräume oder informelle Kommunikationszonen zu integrieren.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Architekt in Bezug auf die Veränderungen in der Arbeitswelt?
Scheich: Zum einen ist die große Herausforderung, eine langfristige Flexibilität des Gebäudes zu schaffen. Redet man von nachhaltigen Immobilien, dann liegt hier wohl unsere Hauptaufgabe. Es geht darum, das Gebäude so zu konzipieren, dass es allen Kriterien in Bezug auf Raumhöhen, Raumtechnik, Akustik, usw. möglichst so erfüllt, dass es leicht umstrukturierbar bzw. umnutzbar bleibt. Wir erleben dabei eine hohe Veränderungsdynamik: Ein Unternehmen mit tausend Mitarbeitern baut immer irgendwo um. Das Büro darf aber dennoch kein „gesichtsloser Ort“ werden. Die zweite große Aufgabe der Architektur ist folglich Identitätsstiftung. Raumatmosphäre ist ein ganz wesentlicher Aspekt, den ein Büro neben all den technischen Anforderungen erfüllen muss.

An welchen Büroprojekten arbeiten Sie im Moment?
Paintner: Wir konnten bereits Büroprojekte für das Land Niederösterreich und ein privates Facilitymanagementunternehmen realisieren. Ein besonders spannendes Projekt, an dem wir gerade in einer Planungspartnerschaft mit Schenker Salvi Weber Architekten arbeiten, ist die Post am Rochus, also die neue Unternehmenszentrale der Österreichischen Post AG in Wien. Die Immobilie, bei der es sich um einen denkmalgeschützten Bau handelt, der durch einen Neubau ergänzt wird, ist 2017 bezugsfertig. Das Unternehmen wurde in den vergangenen Jahren von mehreren Standorten auf eine gemeinsame Zentrale zusammengelegt. Das neue Gebäude am Rochus geht weiter in Richtung aktivitätsbezogenes Arbeiten mit noch offeneren Strukturen.

 

Wie lief die Planung bzw. Umsetzung bis jetzt? Was sind die Herausforderungen?
Paintner: Das Projekt wurde über einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben, unterstützt vom Strategieund Objektberater M.O.O.CON, bei dem alle Anforderungen in ein Raumprogramm übersetzt wurden. Die vertiefende, intensive Auseinandersetzung bauherrenseitig mit der konkreten Bürostruktur und Innenarchitektur entstand aber naturgemäß erst in der Planungsphase nach dem Wettbewerb.

Die Verantwortlichen beschäftigten sich sehr intensiv, unter Begleitung weiterer externer Konsulenten, mit dem Thema und besuchten auch verschiedene Referenzprojekte. Besonders ins Auge sticht dabei z. B. auch die Schweizer Post in Bern als Benchmark in Richtung Clean-Desk-Policy – ohne fixe Arbeitsplätze –, die auch das Konzept des papierlosen Büros aufgreift.

Wenn wir gerade von neuen Arbeitsformen sprechen, wie handhaben Sie diese bei feld72?
Scheich: Wir sind zwischen 15 und 20 Leute, das pendelt entsprechend der Projektlage. Wir haben eine relativ flach strukturierte Organisation – aus diesem Grund sind auch die räumlichen Verhältnisse sehr offen. Für konzentrierte Besprechungen wurde vor einiger Zeit ein abgetrennter Meeting-Raum nachgerüstet. Bei uns herrscht ständig ein kreativer Prozess und so entspricht die offene Raumsituation der Art wie wir bei feld72 arbeiten und leben: Man bekommt mit, was nebenbei läuft, Informationen werden schnell und informell kommuniziert. Was etwas fehlt, sind ergänzende Module, wie kleinere Konzentrationsoder Telefonzellen.

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie Ihren Standort gewählt?
Paintner: (lacht) Das hat sich so entwickelt. Am Ende des Studiums waren wir gemeinsam mit Kollegen auf der Suche nach einem Atelier. Die idealen Räumlichkeiten dafür haben wir hier in diesem postindustriellen Haus gefunden – daraus ist dann das Büro erwachsen, in dem wir heute noch „leben“, weil es uns alles bietet was wir brauchen. Neben feld72 befinden sich auch noch andere Architekten, Landschaftsplaner, Designer, ein Tanzstudio und ein Kindergarten im Haus. Dieses Gebäude zeigt, dass eine entsprechende Raumhöhe und eine offene Grundstruktur alle Nutzungen erlaubt, und das kann man auch von solchen Häusern lernen.

Sie definieren Ihren Zugang zur Architektur als „sozial verantwortlich und nachhaltig“ – was meinen Sie damit?
Scheich: Wir haben ein grundsätzliches Interesse über das architektonische Objekt hinaus und beschäftigen uns sehr stark mit dem öffentlichen Raum. Dabei sind soziale Aspekte – der Mensch, die Gesellschaft – besonders wichtig. Wir fragen uns, was Architektur für den Städtebau leistet und was damit wiederum als Umwelt für den Menschen dienen kann. Das ist wie ein roter Faden, der sich durch unsere Arbeit zieht. Architektur ist für uns ein universeller Anspruch, der viele diskursive Elemente beinhaltet, wie beispielsweise die Entwicklung zu einer sozial verantwortlichen, nachhaltigen Gesellschaft.

Wie ist die derzeitige Situation für Architekturschaffende in Wien?
Paintner: Ökonomisch gesehen ist die Wettbewerbskultur ein extrem schwieriges Thema für die gesamte Branche. Für die Qualitätssicherung verteidigen wir Architekturwettbewerbe natürlich weiterhin und stehen auch dazu, aber für die einzelnen Büros ist es phasenweise wirtschaftlich sehr schwierig, den Akquisitionsaufwand durchzutragen. Wünschenswert wäre, dass viel mehr Bauaufgaben, auch aus der Privatwirtschaft, zum Wettbewerb ausgeschrieben werden. Scheich: In puncto Bauvorhaben der Öffentlichen Hand sehen wir die zunehmenden PPP-Verfahren (Anm.: Public Private Partnerships) problematisch: Die Öffentliche Hand nimmt sich dadurch teilweise aus der Verantwortung als Bauherr zurück. Gerade beim Bildungsbau finden wir das dramatisch, weil die Qualitätssicherung darunter leidet. Und das geht immer zu Lasten der Nutzer und am Ende des Tages auch zu Lasten des Steuerzahlers, der mehr (für weniger Qualität) bezahlen muss – wie in Deutschland bereits nachgewiesen.

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