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In den Räumen zwischen den Bäumen.

Magazin Contact #23

Der estnische Modehersteller Lenne hat kürzlich sein Büro in einer alten, aufgelassenen Fabrik am Stadtrand von Tallinn bezogen. Das Team von KAMP Arhitektid verwandelte den Raum in einen Open Space an der Schnittstelle zwischen Büro und Wald. Das Outdoor-Ambiente tut den Mitarbeitern gut.

„Ich bin so selig, glücklich im Wald“, sagte einst Ludwig van Beethoven, dem Blätterrauschen lauschend. „Geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch sich wünscht.“ Auch Urmas Leeman, seines Zeichens CEO des estnischen Marktführers Lenne, sehnte sich in seinem neuen Büro nach Holz und Bäumen. „Wir sind Kleidungsproduzent, spezialisiert auf Skianzüge und Outdoor-Clothing für Kinder und Jugendliche. Wir haben tagtäglich mit der frischen, oft winterlichen Luft da draußen zu tun. Was lag also näher, als den Wald zu uns ins Büro zu holen?“

Der erste Blick in den Raum erinnert an Wald und Schnee. Alles ist hell und lichtdurchflutet. Vor einem breitet sich eine hellgraue, fast gleißend weiße Skipiste aus. Am Rande des eisigen Nichts steigen stilisierte Holzstapel, scheinbare Fragmente einer hochalpinen Holzhütte empor. Und dann erblickt man sie – die zehn Bäume, von denen dereinst Beethoven geschwärmt hatte. „Wir wollten auf jeden Fall die Kernkompetenz des Unternehmens Lenne sichtbar machen“, erklärt Jan Skolimowski, Partner bei KAMP Arhitektid. „Dazu gehört auch, dass wir den Innenraum in einen Außenraum verwandelt haben und die so entstandene Landschaft mit Hütten und Bäumen bestückt haben.“

Das vor wenigen Monaten fertiggestellte Lenne-Büro befindet sich in einer alten, aufgelassenen Fabrikhalle am südlichen Stadtrand von Tallinn. Wo zu Sowjetzeiten noch im Akkord gearbeitet wurde, sitzen nun 15 Mitarbeiter aus dem Design- und Verwaltungsbereich und brüten an der, wer weiß, vielleicht kommenden Winterkollektion für 0- bis 14-Jährige. Sämtliche Arbeitsplätze sind als Open Space gestaltet, wobei ein Teil der Workplaces an der Süd- und Westfassade auf ein eigens errichtetes Halbstockpodest gehievt wurde. „Die Parapethöhe der alten Fabrik-fenster war sehr hoch“, erinnert sich Skolimowski. „Also haben wir die Arbeitsplätze so angehoben, dass man nun im Sitzen die Aussicht genießen kann.“

Unter der holzverkleideten Stahlkonstruktion verlaufen Lüftung und Elektroinstallationen. An der Nord- und Ostseite befinden sich die dienenden Zonen wie etwa Technik- und Serverraum, Stauraumzone, Kopier- und Plotterstation sowie der Sanitärbereich. Die größte Fläche nimmt der rund 70 Quadratmeter große Showroom ein. Hier werden die neuesten Entwürfe und Entwicklungen des vor allem nach Russland, nach Skandinavien und in die baltischen Nachbarländer exportierenden Konfektionisten präsentiert, besprochen und auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft. Um den Bereich auch mit Gabelstaplern und schweren Produktpaletten nutzen zu können, wurde die gesamte Fläche mit hellem, hochrobustem Gummiboden verlegt. Eine Etage höher liegt – dramatisch inszeniert über eine offene Treppenlandschaft zu erreichen – der Regenerationsbereich mit Küche, Essplatz und gemütlichen Lounge-Chairs. Das Herzstück des Lenne-Büros jedoch ist – unverkennbar – die um eine Stufe leicht erhobene Mittelzone aus Teppich, Holz und Glas. „Und nicht zu vergessen die Natur!“, fügt Architekt Skolomowski hinzu.

Zwar handelt es sich bei den insgesamt zehn Bäumen um künstliche Blätterskulpturen, aber immerhin: „Die Baumstämme stammen aus der Umgebung und sind echt. Bei den Baumkronen mussten wir etwas tricksen, denn echte Bäume hätten es in dieser Fabrikhalle schwer gehabt.“ Die immergrünen Boten sind nicht nur ein Gruß aus Mutter Natur, sondern auch ein Beitrag zu einem warmen, schützenden und rundum gemütlichen Ambiente.

Das bestätigt auch Cristian Saar. Der Projektleiter und Immobilienfachmann arbeitet bereits seit drei Jahren für Lenne und hat den Ausbau bauherrenseitig von der Entwicklung des Raumprogramms bis zur letzten Türklinke betreut. „Wir wollten unbedingt sichtbares Holz haben, um die Nähe zur Natur zu veranschaulichen“, erinnert sich Saar. „Aber in dieser Form war das Ganze eine große Überraschung. Heute kann ich sagen, dass das Konzept von KAMP Arhitektid voll aufgegangen ist. Man fühlt sich wohl, und es gibt unterschiedliche Zonen für Kommunikation und informelle Meetings sowie für Rückzug und Konzentration. Meine Kollegen und ich fühlen uns hier sehr wohl.“

Während der Open Space flexibel gestaltet ist und eines Tages bei Bedarf auf bis zu 30 Arbeitsplätze aufgestockt werden kann, sind Rezeption, Besprechungszimmer und CEO-Bereich vom Rest des Büros akustisch abgetrennt. „Es kommt nicht alle Tage vor, dass man ein Büro mit acht Metern Raumhöhe auszubauen hat“, meint Architekt Skolomowski. „Also haben wir uns entschieden, die Gunst zu nutzen und diese Raumelemente als freistehende Objekte einzuhausen.“ Rund um die warmgraue Teppichlandschaft gruppieren sich nun Trockenbauten aus farblos lackierter Esche und raumhohen Ganzglaswänden. Der Gesamteindruck ist warm und hell.

Ergänzt werden die zurückhaltend gestalteten Bereiche von selbst entworfenen Schreibtischen, italie-nischen Akzentmöbeln sowie einer ganzen Armada der Great JJ. Die schwarzen, überdimensionalen Stehlampen-Klassiker von Jac Jacobson verleihen dem Büro eine ziemliche Grandezza. „Es war ein aufwändiges und umfangreiches Projekt, begonnen von Heizung und Kühlung, neuer Dachdeckung über Innenausbau bis hin zum allerletzten Möbelstück“, blickt der Architekt zurück. „Und ich bin froh, dass es uns gelungen ist, den Charakter des 1991 gegründeten Unternehmens Lenne so gut einzufangen.“ Die schönsten, liebevollsten Details erkennt man erst auf den zweiten Blick: Statt herkömmlicher Türen- und Ladengriffe wurde das gesamte Büromobiliar mit Grifflöchern versehen. Der Ausschnitt zeichnet, wie könnte es anders sein, die Kontur eines stilisierten Kleinkindes ab.

 

Wojciech Czaja

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