Magazin Contact #28 - Magazin - Wiesner-Hager - Concept Wiesner-Hager
zurück

UBER: Mit Gottfried Semper durch Hongkong unterwegs.

Magazin Contact #28

Das neue Uber-Headoffice in Hongkong ist nicht nur ein Hort von Fliesen, Graffitikunst und eingefangenen Glühbirnen. Dem Konzept von Bean Buro liegt auch so manch ungewöhnliche Autofahrt in die Vergangenheit zugrunde.

Kaum hat sich die Lifttür geöffnet, kaum hat der Blick die silbrig schimmernde Glaswand durchbrochen, taucht man ein in schummrig willkommen heißende, grünlich gräuliche Gefilde. Lediglich der Schriftzug an der Wand – vier große, konturierte Blockbuchstaben U, B, E und R aus brandkonform gebogenen Leuchtstoffröhren – geben sicheren Aufschluss darüber, nicht in einem Schwimmbad oder irgendeinem Unterwasser-Wellness-Tempel gelandet zu sein. Sondern eben hier, in der neuen Hongkong-Zentrale des mobilen Fahrtendienstleisters Uber, auf der letzten Etage eines der in die Jahre gekommenen, aber aufgrund des spektakulären Ausblicks hochbegehrten Bürohochhäuser im pulsierenden Business-Viertel Causeway Bay.

„Früher hatte Uber in Hongkong mehrere kleine Büros, die über die ganze Stadt verstreut waren“, sagt Lorène Faure. „Mit diesem Headoffice, in dem die derzeit 80 Mitarbeiter erstmals gemeinsam an einem Standort gebündelt sind, sollen die nötigen Schritte für die Expansion gesetzt werden.“ Bis heute gibt es in Hongkong keine einheitliche, rechtlich geregelte Lösung für Fahrtendienstleister und Mietwagen-Service auf Zuruf. In den neuen Räumlichkeiten will die global agierende Plattform, die allein in Hongkong 30.000 registrierte Fahrer zählt, die nötigen Pläne für die Legalisierung ausarbeiten. Und das Unterfangen ist alles andere als einfach. Erst letztes Jahr ist Uber mit dem Markteintritt in Mainland China gescheitert. Wie das Hong Kong Economic Journal vor wenigen Monaten berichtete, spekuliert das kalifornische Unternehmen in regelmäßigen Abständen darüber, auch die Sonderverwaltungszone komplett aufzugeben.

„Wie man sich also vorstellen kann, war das Uber-Projekt nicht nur eine klassische Bürogestaltung, sondern auch der Versuch, die hier angewandten Security-Maßnahmen bezüglich Einbruchschutz, Datensicherheit und Vertraulichkeit im Umgang mit hochsensiblen Informationen bestmöglich zu kaschieren und so zu gestalten, dass dennoch ein offenes, flexibles und freundliches Arbeiten mit zwischenmenschlicher Interaktion möglich ist“, so Faure. „Keine leichte Aufgabe!“ Die gebürtige Pariserin, die bei Sir Peter Cook Architektur studierte, leitet gemeinsam mit ihrem Partner Kenny Kinugasa-Tsui das 2013 gegründete Bean Buro. Das interdisziplinäre Architektur- und Designbüro ist auf Möbel, Produktdesign und Interior-Gestaltungen spezialisiert.

„Die Elemente, die uns dabei geholfen haben, die Sicherheit in den visuellen Hintergrund treten zu lassen, sind sehr vielfältig und zum Teil verspielt. Immer wieder haben wir diverse Traditionen Hongkongs zitiert und in zahlreichen Formen und Materialien wieder aufleben lassen. Und was das räumliche Grundkonzept betrifft, haben wir uns auf die Lehre des deutschen Architekten und Kunsttheoretikers Gottfried Semper bezogen.“ Gemeint ist Sempers Konzept von „Struktur und Füllung“ sowie die von ihm geprägte Idee der „Materialumhegung als Raumabschluss“. Demnach erscheint die Raumstruktur in harter, die Füllung der Innenräume hingegen in bewusst leichter, haptisch weicher Materialität.

Die Theorie wird bereits an der Rezeption manifest: Während der Raum mit traditionellen, in Hongkong handgefertigten Mosaikkacheln in Grün- und

Grautönen verkleidet ist, präsentiert sich das Empfangspult mit beigem, weich gepolstertem Leder. Nicht von ungefähr soll die hier gewählte Stofflichkeit, so die Assoziation von Bean Buro, an den Innenraum eines nigelnagelneuen BMW oder Mercedes erinnern. „Immer wieder“, meint Architektin Lorène Faure, „findet man im Uber-Office Analogien an Mobilität und automotive Ästhetik, aber auch an den Standort Hongkong und die hier typischen, oft sehr alten Traditionen.“

Neben den Kacheln an der Wand, den gepolsterten Stoffen und den satten maritimen Farben, die der Hongkonger Waterfront entnommen sind, finden sich viele kleine, oft zum Schmunzeln anregende Details aus der Geschichte sowie aus der Schule des Feng-Shui: helle Hölzer, geschwungene Formen, entzückende Lampenkäfige über den temporären Pausentischen vor der Fensterfassade, die statt eines Vogels das Licht einzufangen geschaffen sind. „Die stilisierten Vogelkäfige“, erzählt Faures Partner Kenny Kinugasa-Tsui, „sind eine Referenz an das Hongkong des 19. Jahrhunderts, als es gang und gäbe war, mit dem eigenen Vogel durch die Stadt zu spazieren oder den Käfig zur Teezeremonie oder zum gemeinsamen Dim-Sum-Essen mitzunehmen. Wir haben uns von dieser Geschichte sehr angeregt gefühlt.“

In der Fülle der schönen, anekdotenreichen und oft seelenweichen Interior-Details verliert sich – ganz im Sinne Gottfried Sempers – der Blick auf die harte Struktur, die dem neuen Uber-Office zugrunde liegt. Kommunikatives Herzstück des Büros sind die kollektiven Orte wie etwa die Cafeteria mit Teeküche und Tischchen, die zum alleinigen Pausieren konzipierte Thekenzeile vor dem Fenster mit Blick auf die Happy Valley Pferderennbahn sowie der große, verglaste Konferenzraum mit 20 Meter langem Besprechungstisch und einer In-situ-Wandgestaltung des Hongkonger Graffitikünstlers Bao Ho. Die schwarz-weiß-blauen Motive zeigen Szenen aus dem städtischen Alltag, gespickt mit chinesischen Fabelwesen und Sternzeichentieren wie etwa Katzen, Hasen, Drachen.

Ergänzt wird das rund 900 Quadratmeter große Büro von mittleren und kleineren Besprechungszimmern, verfliesten Phone-Booths, gemütlich gepolsterten Me-Places sowie diversen informellen We-Places, die über das gesamte Bürolayout verstreut sind. Die Workplaces selbst sind kompakt gehalten und meist zu Sechser- und Achter-Schreibtischgruppen geclustert, wobei sich die Mitarbeiter aus Kommunikationsgründen stets gegenübersitzen. In Analogie zur Uber-DNA, die auf der Idee der Sharing-Economy basiert, liegt auch dem Büro das Teilen zugrunde: Sämtliche Arbeitsplätze für die derzeit 80 Mitarbeiter – bei Bedarf kann das Office auf bis zu 120 Mitarbeiter ausgebaut werden – sind als Shared Desks für Activity Based Working konzipiert.

„Dieses Büro spielt mit Zitaten aus der Stadt, aus der Geschichte des Ortes und aus der Welt der Sharing-Economy“, sagen die beiden Bean-Chefs am Ende des Gesprächs. „Doch letztendlich ist die Form eine Variable, die ausgetauscht werden kann und muss und die Aufgabe hat, die Kultur und die Werte des Unternehmens zu transportieren. Die Konstante in alledem jedoch ist die Gastfreundschaft und Gemütlichkeit, wie wir sie aus der Hotellerie kennen.“ 2017 entwickelte Bean Buro in Zusammenarbeit mit führenden Hoteliers den Coworking Space The Work Project. Ideen aus dieser Kooperation fließen seitdem in jedes einzelne Office-Projekt ein. Der Appell ist unmissverständlich.

Wojciech Czaja

 

 

Alle Fotos: © Courtesy of Bean Buro

Magazin abonnieren!

Mit dem Magazin immer am Laufenden bleiben.