Magazin Contact #32 - Magazin - Wiesner-Hager - Concept Wiesner-Hager
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Vom Schreibtisch in die Cloud. Naht das Ende des klassischen Büros?

Magazin Contact #32

Arbeiten wo und wann man will, oder doch lieber fester Schreibtisch im Büro? Bei diesem Thema spalten sich die Meinungen. Fest steht, dass wir uns gerade in einem rasanten digitalen Veränderungsprozess befinden. Remote-Arbeit etabliert sich immer mehr und bringt zahlreiche Freiheiten mit sich, während das klassische Büro mit sozialen und produktiven Vorteilen punktet. Die Lösung liegt, wie so oft, in der goldenen Mitte.

Die wachsende Bedeutung der Remote-Arbeit.

 Es ist kurz vor sieben. Der Wecker klingelt. So wie jeden Tag. Wie mechanisch werden die Zähne geputzt, es wird gefrühstückt und ins Auto gestiegen. Alles ist zur Routine geworden. Der Weg zur Arbeit, aber auch der Arbeitstag selbst. Same time – same station. Wenig Abwechslung, wenig Veränderung.

 

Eine Situation, welche bis heute für viele Arbeitnehmer nicht ungewöhnlich ist. Der tägliche Weg ins klassische Büro hat sich über Jahre hinweg etabliert. Erst seit kurzer Zeit, besonders vorangetrieben durch die Corona-Krise, werden die gewohnten Strukturen immer mehr aufgebrochen. Remote-Arbeit heißt das Stichwort. Dabei handelt es sich um ortsunabhängiges und flexibles Arbeiten, welches keine oder nur sehr wenig Firmenpräsenz erfordert. Home-Office, mobiles und hybrides Arbeiten sind plötzlich für viele zur neuen Realität geworden. Manche glauben an einen kurzfristigen Trend, andere sehen es als zukunftsträchtige Wirklichkeit. Dass wir uns mitten in einem Change-Prozess befinden – getrieben durch die fortschreitende Digitalisierung – ist unumstritten. In welchem Ausmaß, ist von Branche zu Branche und von Unternehmen zu Unternehmen verschieden.

 

Gerade das Home-Office war in der Krise ein weit verbreitetes Instrument, um Social Distancing gewährleisten zu können. So kommt immer wieder die Diskussion um eine langfristige Verlagerung der Arbeit ins Heimbüro auf. Befürworter sehen den Arbeitsalltag in den eigenen vier Wänden. Der Besuch im Büro soll nur noch zu besonderen Zwecken wie wichtigen Meetings stattfinden. Ein Einwand, welcher in diesem Fall hervorgebracht wird, ist die fehlende soziale Interaktion. Viele haben es in den Wochen und Monaten des Lockdowns bemerkt: Es fehlt der Kontakt zu Kollegen. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch der eingeschränkte Gedanken- und Ideenaustausch, welcher besonders durch die physische Collaboration beflügelt wird, denn Kreativität und Innovation brauchen soziale Reibung.

 

Remote-Arbeit ist nicht gleich Home-Office.

 Werden wir nach der Krise also doch wieder täglich ins Büro pilgern? Nein, sagen Befürworter von hybridem und mobilem Arbeiten. Viele von ihnen sehen den Arbeitsalltag weder im Home-Office noch im klassischen Büro. Sie wollen selbst entscheiden, wann und vor allem wo sie arbeiten. Gerade die Generation Z drängt immer mehr in Richtung freies und ortsunabhängiges Arbeiten. Im Trend liegt beispielsweise, das Büro in einer Urlaubsdestination aufzuschlagen. Workation nennt sich dieses neue Modell. Der Name setzt sich aus Work und Vacation, also Arbeit und Urlaub, zusammen. Es wird dort gearbeitet, wo andere Urlaub machen. In unseren Breitengraden stehen zum Beispiel Destinationen wie Dubai, Kapstadt, Mallorca oder Griechenland ganz oben auf der Liste beliebter Workation-Ziele, vor allem wegen der verhältnismäßig geringen Zeitverschiebung. Für ein erholsames Workation-Erlebnis muss man jedoch nicht zwingend in die Ferne schweifen. Schon der nahegelegene See oder ein Aufenthalt in den Bergen sorgt für Tapetenwechsel im Arbeitsalltag. Das Workation-Modell ist besonders für digitale Nomaden eine attraktive Lösung, die jedoch viel Planung und Disziplin erfordert. Sonne, Strand und Meer locken vom Schreibtisch weg. Auch die Kosten für Unterkunft und Work Space sind, gerade auf Dauer, nicht zu unterschätzen. Wählt man fernere Destinationen wie zum Beispiel Bali, das derzeit wohl populärste Workation-Ziel, könnte auch die bereits genannte Zeitverschiebung zum echten Problem werden.

 

Der wichtigste Grund, warum viele Arbeitnehmer für Remote-Arbeit plädieren, sind die oft langen und staureichen Fahrten ins Büro. Wer trotzdem Kollegen treffen will und einen ruhigen Ort zum Arbeiten sucht, findet die Lösung in sogenannten Satellitenbüros oder Coworking Spaces. Dabei handelt es sich um voll ausgestattete Offices, die als Ergänzung zur Zentrale eines Unternehmens dienen. Sie liegen außerhalb der städtischen Hotspots, wodurch die Fahrt durch Stadtverkehr und Co. vermieden werden kann. Weiterer Vorteil: Die Arbeitsausstattung wie gutes Internet oder ergonomische Bürostühle sind, ähnlich wie im Headquarter, vorhanden.

 

Die neue Interpretation des Büros.

Bei all den verlockenden Vorteilen der Remote-Arbeit ist eines klar: Gute Collaboration ist besonders essenziell für den Unternehmenserfolg. Gerade im kreativen Bereich, wo es um Ideenfindung und Innovation geht, kommt der Zusammenarbeit eine besondere Bedeutung zu – und damit auch dem Büro als Ort der Begegnung. Neue Raumtypen sorgen dafür, dass Arbeiten auch abseits des klassischen Schreibtisches ermöglicht wird. Offene, aber kleinstrukturierte Coworking Units sind für Team- und Projektarbeit, sowie die kreative Ideenentwicklung bestens geeignet. Die gestalterischen Umsetzungsmöglichkeiten sind dabei unglaublich vielfältig: Kreativräume, Bibliotheken, Working Cafés, Kommunikationsinseln, Teambüros, Lobbys oder Activity-Gärten sind nur einige Raumbeispiele, die Zusammenarbeit fördern. Auch externe Projektteilnehmer und Freelancer können hier eingebunden werden. Einen Gegenpol dazu bilden Silent Spaces als Rückzugsräume für konzentriertes Arbeiten. Klassische Kommunikationsräume werden für Hybrid-Meetings upgedatet. Dadurch können virtuelle Gesprächspartner mittels moderner Conferencing-Technik in Besprechungen eingebunden werden. Durch diese neuen Raumtypologien wird auch das sogenannte Activity-Based Working möglich. Das Bestreben dabei ist, je nach Arbeitsaufgabe ein unterstützendes Ambiente durch verschiedene Raumformen und ansprechendes Interior zu schaffen.

 

Für die Konzeption des Büros wird es auch in Zukunft keine pauschalen Lösungen geben. Es ist immer eine Frage der Unternehmenskultur, der Workflows und der Unternehmensziele, ob und wie neue Arbeitsmodelle eingesetzt werden. Zu guter Letzt ist es auch eine Frage der persönlichen Einstellung. Denn für den einen sind das getimte Weckerläuten und die tägliche Fahrt zur Arbeit eine liebgewonnene Routine, die dem eigenen Leben Struktur und Ordnung verleiht, während andere sich nichts Schlimmeres vorstellen können als das tägliche Abspulen des immer gleichen Alltages.

Ein Thema - zwei Meinungen.

Remote Arbeit oder Büropräsenz?

 

Michael Friedrich:

 Als ich vor einem Jahr bei GitLab angefangen habe, da war Remote Work noch etwas für Exoten. Ich hatte mich schon vor der Pandemie für diese Arbeitsweise entschieden und es als persönliches Abenteuer angesehen: Ich will international arbeiten, um so die Welt neu zu entdecken. Als gebürtiger Linzer lebe seit einigen Jahren in der Region Nürnberg, liebe es naturnah zu wohnen und trotzdem mit der Welt vernetzt zu sein. Und genau das bietet mir meine Arbeit. Ich bin Developer Evangelist bei GitLab, einer Plattform für Softwareentwickler und helfe unserer Community, GitLab einzusetzen und zeige, wie es in andere Technologien integriert werden kann. Daraus erstelle ich Blogposts, Workshops und Vorträge für internationale Events. Mein Arbeitgeber hat keinen festen Firmensitz, beschäftigt weltweit rund 1300 Mitarbeiter in 66 Ländern und hat Remote Work zu seiner DNA gemacht. Auf diese geballte Erfahrung war ich sehr gespannt und wurde nicht enttäuscht.

 

Um wirklich produktiv zu sein, ist es für mich wichtig, Privates und Arbeiten auch räumlich klar zu trennen. In meinem Arbeitszimmer habe ich mir eine Wohlfühlatmosphäre geschaffen: Höhenverstellbarer Schreibtisch, ergonomischer Stuhl, gute Beleuchtung und eine hochwertige technische Ausstattung, zu der unter anderem eine Webcam und ein großer Monitor gehören. Der Vorteil im Home-Office ist ja, dass man sich nach Lust und Laune mit persönlichen Dingen umgeben kann. Bei mir ist es aktuell ein Star-Wars-Bausatz von Lego, der bei Videokonferenzen auch im Hintergrund zu sehen ist.

 

Was ich an meiner Tätigkeit sehr schätze, ist das asynchrone Arbeiten. Da meine internationalen Kollegen in unterschiedlichen Zeitzonen leben, nutzen wir Tools, mit denen gemeinsames Arbeiten trotz der Zeitdifferenz sehr effizient ist. Wir dokumentieren alles – jeden Gedanken, jedes Meeting, jeden Beschluss. Dadurch wird die Kommunikation insgesamt sachlicher. Niemand ist verpflichtet, an endlos langen Videokonferenzen teilzunehmen – alles wird schriftlich vorbereitet, das Meeting aufgezeichnet. Ich kann selbst entscheiden, ob ich daran teilnehmen möchte, mir das später oder gar nicht anschaue. Kurzum: Ich bin mein eigener Manager.

 

Über Privates tausche ich mich mit Kollegen über sogenannte Coffee Chats aus. Außerdem werden uns regelmäßig freie Friends & Family Days gewährt, denn man weiß um die Gefahren, wenn sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben auflösen. Neulich habe ich über #do-not-be-strangers, einem Bot, der Kollegen per Zufall verbindet, Carlos kennengelernt. Wenn die Pandemie vorbei ist, möchte ich ihn unbedingt in Mexico City besuchen. Natürlich fehlen mir die echten sozialen Kontakte, die echten Events mit Softwareentwicklern und Kollegen. Ich freue mich sehr auf mehr analoge Begegnungen, das Remote-Arbeiten an sich aber wird für mich erstmal das Richtige bleiben.

 Michael Friedrich ist Developer Evangelist bei GitLab und arbeitet ausschließlich aus dem Home-Office.

 

 

 Carsten Baumgarth:

 Die (sozialen) Medien, LinkedIn-Posts und Clubhouse-Diskussionen überschlagen sich spätestens seit der Corona-Krise mit dem Loblied auf das Home-Office – Autonomes Arbeiten, weniger Stress, höhere Produktivität – nur ein paar Argumente, die immer wieder ins Feld geführt werden (aber kaum empirisch belegt sind).

 

Kann sein, muss aber nicht!

 Nach rund acht Wochen im vollständigen Home-Office im März und April 2020 war ich persönlich im Mai froh, dass ich als Wissenschaftler auch meine Büroräumlichkeiten in der Hochschule wieder mit Auflagen nutzen durfte. Dort habe ich meine Ruhe, ein immer aufgebautes und funktionierendes kleines Studio für Zoom-Meetings mit gutem Licht, Ton und Kamera, meine Bibliothek, mein kleines Forschungslabor (B*lab mit Eye Tracking, Robotic etc.), meine Kunst an den Wänden. Ja, ich könnte meine Lehr-, Verwaltungs- und teilweise meine Forschungstätigkeit auch vollständig im Home-Office erledigen. Aber ich will es nicht. Der halbstündige Spaziergang zum Büro stellt sicher, dass ich mich jeden Tag auch bei geschlossenen Fitnessstudios und Lockdown wenigstens etwas bewege. Die vertraute, für mich perfekt ausgestattete und inspirierende Büro- und B*Lab-Umgebung fördert meine Produktivität, und die räumliche Trennung zwischen Zuhause und Büro erlaubt mir wenigstens etwas, Arbeit und Freizeit zu trennen, wobei ich als Wissenschaftler eigentlich immer (gedanklich) arbeite, dies aber selten als Arbeit oder Last empfinde.

Ja, ich habe auch schon vor dem Lockdown nicht nur im Büro gearbeitet, sondern im Café, im Park, bei Unternehmen, in Hotels, Zuhause, im Zug etc. Ja, ich bin in der sehr privilegierten Lage, dass ich fast immer selbst entscheiden kann, wann, wo und was ich arbeite. Daher suche ich mir immer die Orte und Kontexte, die sich für mich am besten anfühlen, und das ist sehr oft mein Büro in der Hochschule. Das wird auch nach der Pandemiephase so sein.

Das Einzige, das ich mir überhaupt nicht vorstellen kann und will, ist ein vollständiges „Home-Office“ für mein Team, meine KollegInnen und meine Studierenden. Wie einsam, wenig inspirierend, langweilig und frustrierend wäre ein „Arbeitsleben“ ohne echten und menschlichen Austausch.

Ich hoffe, dass wir die Pandemie bald überstanden haben, die Frage nach Büro vs. Home-Office nicht so dogmatisch diskutieren und wir viel flexibler und selbstbestimmter entscheiden können, wo wir arbeiten wollen. Aber bitte immer auch mit einem großen Anteil Face-to-Face!

 Prof. Baumgarth ist Professor für Markenführung an der HWR Berlin (www.cbaumgarth.net) und seit der Pandemie auch Betreiber des Instagram-Wissenschaftskanals „Brückenbau Marke – Wissenschaft trifft Praxis“ (https://www.instagram.com/prof.baumgarth/).

 

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